Demut und Optimismus: Kommentar zur Flüchtlingskrise

(Dieser Text wurde Anfang Oktober 2015 auf dem Blog Publikative veröffentlicht. Da der Blog eingestellt ist und der Text nicht mehr verfügbar ist, stelle ich ihn hier erneut ein. Es gab seitdem schöne und weniger schöne Momente, die meinen Optimismus auch immer wieder infrage stellten; aber das Grundgefühl blieb.)

 

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen. Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Es wird an den Kommentaren in der FAZ deutlich. Patrick Bahners Kritik am Affekt gegen den Affekt war jedenfalls ein Einzelstück. Mittlerweile, so heißt es, sei das Band am Reißen, alle seien am Ende ihrer Kräfte, Einsatzkräfte wie auch freiwillig Helferinnen und Helfer (von den Flüchtlingen und deren Kräften ist da ja eher selten die Rede).

In all diesen Debatten fehlt merkwürdigerweise oft die Stimme jener, die oft tagtäglich viele Stunden lang als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dort aushelfen, wo der Staat versagt, wie zum Beispiel vor dem berüchtigten Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin. Auch ich stand dort drei Wochen lang jede Nacht und half dabei, Flüchtlinge mit Decken, Wasser und Tee zu versorgen, habe versucht, Flüchtlingen, die oft spät nachts mit Weiterleitungen aus Bayern in Berlin ankamen, noch einen privaten Schlafplatz zu vermitteln, da offizielle Notunterkünfte voll waren und sonst Kleinkinder auf der Straße hätten übernachten müssen. Es sind Eindrücke aus dieser Tätigkeit, die mich dazu bewegen, ein paar Bemerkungen zur Debatte über Flüchtlinge, den Erwartungen, die an sie gestellt werden, und den Veränderungen, die Deutschland bevorstehen, machen zu wollen. Die Arbeit dort war und ist anstrengend und fordernd, physisch und emotional. Aber ich habe selten den Eindruck, dass all die Helferinnen und Helfer am Ende ihrer Kräfte sind; wenn, dann sind sie am Ende ihrer Nerven ob der Unfähigkeit der Berliner Behörden. Aus dieser Perspektive eines Helfers möchte ich ein paar Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion machen.

Ich will mit einer Beobachtung, mit einer kleinen Geschichte beginnen, die sich beim Helfen vor dem LaGeSo zugetragen hat. Es geht um eine Frau, vielleicht um die vierzig Jahre alt, die aus Libyen vor dem dortigen Terror geflohen war. Eine freundliche, lachende und lächelnde Frau. Jedenfalls kam sie zu uns, um mitzuhelfen. Sie half den ganzen Tag, sortierte Spenden. Am nächsten Tag kam sie wieder, wollte wieder helfen, und erklärte in gebrochenem Englisch, ihr „Baby“ wolle auch mithelfen. Nach einiger Verwirrung stellte sich heraus, dass sie von ihrem etwa 17jährigen Sohn redete, der neben ihr stand, der kein Wort Englisch sprach, und der nun von der Mutter angewiesen Sachen herumtrug und half. Sie waren beide noch keine zehn Tage in Deutschland und halfen. Am Abend kam sie dann zu uns (wir waren an dem Tag mit anderen Aufgaben beschäftigt), und erzählte von sich und ihrer Familie. Zunächst verstanden wir es kaum, aber zum Glück war ein Übersetzer in der Nähe: Ihr Mann, so berichtete die Frau, war von ISIS enthauptet worden. Mehr muss eigentlich nicht erzählt werden. Wie ihre Aussage wirkte, lässt sich nur schwer im Text wiedergeben. Von einem Augenblick auf den anderen herrschte Stille, inmitten eines allgemeinen Trubels, eine Stille, die nur kurz herrschen konnte. Zumindest ich musste mich schnell wieder einem anderen Gespräch zuwenden, sonst wären mir wohl die Tränen gekommen. Ich glaube, die meisten freiwilligen Helfer haben solche Momente erlebt.

Es soll hier nicht um Seelenstriptease gehen, aber es lohnt sich, bei den emotionalen Reaktionen zu bleiben. Die Tränen kamen später, im Moment der Ruhe. Aber warum? Sicherlich, es war eine grauenvolle Geschichte. Aber grauenvolle Geschichten gibt es zuhauf, man hört sie, man liest sie, man sieht schreckliche Bilder. Es war etwas anderes, was berührte und beeindruckte: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Frau, trotz all dem, was sie durchgemacht hatte. Es brauchte eine Zeit, bis sich ein Wort für dieses Gefühl fand, und es ist ein Wort, das mir sonst selten in den Sinn kommt: Demut. Übrigens ein zutiefst christliches Gefühl, wenn ich mich nicht irre.

Es war keinesfalls der einzige Moment, in dem ich solches erlebte, aber vielleicht der eindrücklichste. Ein Gefühl von Demut stellte sich auch ein, als wir im Gebäude des LaGeSos, wo Menschen stundenlang warten müssen, Babynahrung verteilten, aber kein Wasser hatten, um das uns eine junge syrische Mutter bat, woraufhin ein Mann aus Schwarzafrika aus der Reihe gegenüber der Frau sein Tetrapack Wasser gab; es stellte sich auch ein, als ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der neben Farsi, Dari und Urdu auch exzellentes Englisch spricht, am Tag nach seiner nächtlichen Ankunft sofort bereit stand, um uns als Übersetzer zu helfen; es stellte sich auch ein als ich sah, wie sehr die allabendliche Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse, die sie in Notunterkünfte bringen, von einem geflüchteten Syrer abhing, der gerade mal drei Monate in Deutschland ist und nun mit Megaphon der Polizei versuchte, ein wenig Ordnung in das unglaubliche Chaos zu bringen. Allerorten sah ich Flüchtlinge, die kaum in Deutschland angekommen Aufgaben und Verantwortung übernahmen.

Warum ist das alles wichtig? Weil es auf etwas verweist, was in all den Reden zur Flüchtlingskrise fehlt. Oft liest man, in kritischer Absicht, Deutschland habe ein großes Herz, aber es brauche auch politische Ratio. Gemeint ist, dass Deutschland die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen müsse, dass es mit kühlem Kopf handeln müsse, und nicht blind dem guten Gefühl des Helfens folgen könne. Aber diese Gegenüberstellung von Herz und Ratio funktioniert nicht. Sie blendet aus, welche Wirkungen, welche positiven Wirkungen das offene „Herz“ haben kann, jenseits vom ökonomischen Nutzen, den Flüchtlinge vielleicht einmal bringen werden. Es geht um weniger greifbare Werte. Wird zur Zeit von Werten gesprochen, dann werden damit gerne „westliche“ Werte gemeint, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Glauben, Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Schwulen, Lesben und Heterosexuellen, demokratische Werte – man kann das bei Winkler nachlesen, oder neuerdings in den Benimmregeln eines Dorfes im Odenwald. Diese Werte, so heißt es, müssten Flüchtlinge, die doch aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, ganz schnell erlernen, sie müssten ihre patriarchalischen Einstellungen dringend hinter sich lassen. Die Deutschen, andererseits, werden im Moment gerne (und auch zurecht) für ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gepriesen. Auch mich beeindruckt diese. Aber noch viel mehr beeindruckt mich, wie hilfsbereit Flüchtlinge sind. Ich kann abends in ein warmes Bett, ich kann in ein teures Restaurant, wenn ich keine Zeit zum Kochen habe. Flüchtlinge können das nicht. Ich weiß nicht, ob man Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auch zu westlichen Werten zählt; aber es gehört zur politischen Ratio, diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zu erkennen und zu benennen.

Um nicht missverstanden zu werden, ich möchte hier kein Bild stets wunderbar hilfsbereiter Flüchtlinge zeichnen. Es gibt auch viele negative Erfahrungen, viel Wut und Frust, an allererster Stelle mit Berliner Behörden, deren Handeln in keiner Weise dazu geeignet ist, Vertrauen in staatliches Handeln zu stiften (denn dazu braucht es Transparenz und Verlässlichkeit, und die gibt es nicht), mit Helfern, denen es eher darum geht, den Kleiderschrank leerzuräumen oder etwas fürs eigene Gefühl zu tun, ohne nachzudenken, und auch mit Flüchtlingen, die aggressiv werden, die uns Helferinnen und Helfer als Juden beschimpfen, die rücksichtslos Kinder bei der Essensausgabe überrennen. So zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht, wäre schlichtweg absurd; und es wird ja auch immer wieder über diese Probleme geschrieben. Aber es ist eine kleine Minderheit, mit der es Schwierigkeiten gibt, und es ist kaum verwunderlich, dass nicht immer alles harmonisch abläuft in Anbetracht der Zahlen und der Lage, in der Flüchtlinge leben müssen.

Patrick Bahners stellte sich kürzlich die Frage, wie wohl ein Gedicht beginnen müsste, das ein Flüchtlingskind einem Polizisten schenken könnte. „Ich habe Menschen getroffen“, antwortet er. Wir sollten diese imaginierte Situation auch umdrehen: wie würde das Gedicht aussehen, das der Polizist dem Flüchtlingskind schenken könnte? Oder das die zahlreichen Helferinnen und Helfer den Flüchtlingen schenken könnten? Genauso. „Ich habe Menschen getroffen.“ Das gilt im Schlechten, aber es gilt noch viel mehr im Guten. Ich habe noch nie so viele gute Menschen getroffen, helfende Deutsche, und noch viel mehr Flüchtlinge. Dafür bin ich dankbar; dafür sollten wir dankbar sein. Ich möchte keine Dankesworte für Helferinnen und Helfer (und damit auch für mich) mehr aus dem Munde von Politikern hören. Ein Wort des Dankes an Flüchtlinge wäre angebracht, in aller Demut. Deutschland wird sich ändern, lese ich in letzter Zeit oft. Selbst bei eigentlich wohlwollenden Menschen, die sich niemals den Parolen von Pegida anschließen würden, hörte ich Sorgen ob der Herausforderungen, die auf Deutschland zukommen. Ich war merkwürdig optimistisch; ich bin es, noch. Ich hoffe, ich glaube, es werden Menschen wie jene libysche Frau, wie jener junge Mann aus Afghanistan, wie der unermüdliche Übersetzer aus Syrien sein, die Deutschland zu einem besseren Land, zu einem freundlicheren Land machen. Es wäre eigentlich ein Grund zur Freude.

 

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