Was bleibt: Gedanken nach zweieinhalb Jahren „Flüchtlingshilfe“

Vor etwa zweieinhalb Jahren, im Oktober 2015, auf dem Höhepunkt des Chaos vor dem Berliner LAGeSO, veröffentlichte ich einen Kommentar auf dem Blog Publikative über „Optimismus und Demut“ angesichts der „Flüchtlingskrise“. (Der Blog wurde mittlerweile eingestellt, aber ich habe den Text hier dokumentiert.) Die Situation auf und vor dem Gelände des LAGeSo hatte mich bewegt. Aber es waren nicht Sorgen und Ängste, die mich umtrieben. Vielmehr war ich voller Optimismus nicht nur angesichts der Hilfsbereitschaft der Berlinerinnen und Berliner, sondern ebenso, weil von Anfang an auch viele Geflüchtete gemeinsam halfen. Gerade diese Momente ließen in mir auch ein Gefühl tiefer Demut aufkommen. Es waren Eindrücke nach wenigen aber intensiven Wochen am LAGeSo. Trotz des Chaos, trotz der teilweise schrecklichen Szenen, die sich manchmal nachts in der Turmstraße in Moabit abspielten, ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges, etwas Gutes zu tun, und dabei auch dazu beizutragen, dass sich dieses Land zum besseren verändert. Es war ein manchmal auch euphorisches Gefühl, und es wäre gelogen würde ich behaupten, dass sich dieser Aktivismus nicht auch gut anfühlen würde. Was bleibt davon, zweieinhalb Jahre später?

Ich muss zugeben, der Optimismus hat Brüche bekommen. Frustrationen, Enttäuschungen, Sorgen, Ängste, Traurigkeit haben sich darunter gemischt. Das hat vielfältige Gründe. Es sind nicht nur persönliche Stimmungslagen, um die es geht. Sie haben politische Gründe, und sie haben wiederum nicht nur persönliche Konsequenzen. Ich war, hoffe ich, nie so naiv, dass ich alle geflüchteten Menschen für eine Bereicherung unseres Landes oder einfach nur für wunderbare Menschen gehalten habe; und ich glaube auch kaum, dass irgendjemand, der mit geflüchteten Menschen und nicht nur mit dem Diskurs über sie zu tun hat, das jemals meinte. Schmerzhaft ist es dennoch zu merken, wenn einem immer wieder Halbwahrheiten und richtige Lügen aufgetischt werden, was auch immer die Gründe dafür sein mögen. Das hat auch wenig damit zu tun, dass Menschen geflüchtet sind – es ist in einer persönlichen Beziehung, in der man meint, Vertrauen aufgebaut zu haben, einfach enttäuschend, wenn dieses gebrochen wird. Aber vielleicht hat es doch etwas mit der Fluchtsituation zu tun: denn die Fluchtsituation ist per se instabil, und in einer solchen Situation Vertrauen zu schaffen ist nochmals schwieriger. Vielleicht war das Vertrauen nur eine Illusion, was die Enttäuschung nicht geringer werden lässt. Gleichwohl, solche Vertrauensbrüche gab es nur selten.

Anderes beunruhigt mich mehr. Ich muss zugeben, die Morde in Freiburg, in Kandel, in Mainz gehen auch an mir nicht spurlos vorüber. Aber, so schrecklich sie sind, es sind, zum Glück, immer noch Einzelfälle, wenn wir sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der Geflüchteten betrachten, genauso wie übrigens Morde an Geflüchteten, wie jener auf Amrum, auch Einzelfälle sind. Anlass zur Sorge gibt allerdings das Verhalten der Polizei, das man einem Bericht der FAZ entnehmen konnte: auf Berichte, der mutmaßliche Täter habe in der Unterkunft ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt, wurde mit dem Verweis, es gebe ja mehrere Alis in der Unterkunft, nicht reagiert. Es sind andere Geflüchtete, die unter diesem Kriminellen litten, und, so die FAZ, auch sonst unter der Familie, aber dies scheint kaum jemanden interessiert zu haben.

Beunruhigend finde ich daher auch die weniger dramatischen, aber vermutlich häufigeren und alltäglichen Vorfälle, die ich manchmal selbst mitbekomme, oder von denen mir andere berichten. Wenn mich ein afghanischer Mann via Facebook beleidigt und mir erklärt, seine (afghanische) Freundin dürfe nicht mit anderen Männern reden, sie seien schließlich Afghanen und würden das niemals vergessen; wenn mir eine Freundin von einem afghanischen Mann berichtet, der seiner Frau sagt, sie solle in der Straße so viel wie möglich auf den Boden schauen; wenn mir eine afghanische Freundin von Anfeindungen anderer Frauen berichtet, die ihr vorwerfen, sie verhalte sich nicht wie eine gute Afghanin, dann macht mir all das Angst. Zu häufig sind solche Berichte um diese nur als Einzelfälle zu sehen, auch wenn ihnen auf der anderen Seite ebenso viele Berichte und persönliche Erfahrungen aufgeschlossener und emanzipatorischer Männer und Frauen gegenüberstehen.

Ich habe sicherlich kein Patentrezept, wie mit solchen Männern (und Frauen), die anderen rigide Vorschriften machen wollen und viel zu oft auch Gewalt gegen Frauen für legitim halten, umgegangen werden sollte. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass deutsche „Helferinnen und Helfer“ (aus Mangel an einem besseren Begriff gerade) so etwas unter dem Deckmantel zu akzeptierender kultureller Diversität einfach hinnehmen würden. Es gibt ja auch immer wieder Projekte und Workshops, vor allem für Frauen; es bräuchte vermutlich mehr Männerarbeit, wie sie Kazim Erdogan in Kreuzberg geleistet hat. Und vielleicht braucht es manchmal auch klare Ansagen und Sanktionen. Eine afghanische Freundin jedenfalls schilderte mir, dass die Androhung von Leistungskürzungen seitens des Jobcenters dazu führte, dass Frauen ohne Männer in Sprachkurse gingen. Ich weiß auch nicht, wie man mit so etwas umgehen sollte, und als eine afghanische Freundin auf Druck ihres Freundes den Kontakt mit mir abbrach, blieb ich nur hilflos und enttäuscht zurück. Es war ja ihr Problem und ihr Leben, und sie musste ihre Probleme selbst lösen, wie sie mit Nachdruck sagte. Recht hatte sie. Jedenfalls, ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir all das nicht auch manchmal Angst macht, und ich habe den Eindruck, dass es so einigen geht, die sich aktiv mit und für Geflüchtete einsetzen.

Einfach ist die vielbeschworene Integration jedenfalls nicht immer, und es klappt auch nicht immer. Aber das nimmt weder den Mut noch den Optimismus. Der Kontext, in dem sich das alles abspielt, hat sich gewandelt. Konnte man 2015 noch mit einem gewissen Enthusiasmus dazu beizutragen, dass diese Gesellschaft, ja, besser wird, dass sie offener wird, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Biographien und Meinungen gut zusammen leben und nicht nebeneinander her leben, so geht genau dieser Eindruck im Moment verloren. Und das lähmt, zumindest mich, denn es nagt an dem grundsätzlichen Optimismus. Es geht ja, wie mittlerweile vielfach bemerkt wird, beim Streit um Zurückweisungen an der Grenze und europäische Lösungen, um viel mehr als um Sachfragen; es geht um eine retrospektive Deutung von 2015. Damit geht es aber nicht nur um Merkels politische Erbschaft oder die Vergangenheit, es geht auch um die Zukunft, denn, da spricht ausnahmsweise mal der Historiker in mir, wie wir die Vergangenheit deuten, formt gleichsam unseren Blick auf Gegenwart und Zukunft – und umgekehrt. Es geht darum, ob die „Willkommenskultur“, ob damit die Vision einer diffus besseren Gesellschaft, an der mitzuwirken man 2015 eben irgendwie meinen konnte, Bestand hat; oder ob das alles ein naiver Fehler war, ob man Teil einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ wird, die am Untergang Deutschlands mitwirkt.

Hier bricht sich der Optimismus. Was fehlt ist eine Deutung von 2015, die nicht nur sagt, „Wir schaffen das“ (was ja auch nie von Merkel argumentativ unterfüttert wurde), sondern die, bei allen Schwierigkeiten, darauf hinweist, dass sich in und durch die „Flüchtlingskrise“ die Gesellschaft wandelt, und zwar zum Besseren. Das ist ja der Kern der Botschaft der CSU (und mit ihr von mehr oder weniger großen Teilen der anderen Parteien): Wir wollen nicht, dass sich Deutschland ändert, weil es sich durch die Flüchtlingskrise zum Schlechteren ändert, weil Deutschland überfordert ist, weil Kriminalität zunimmt, weil hier mehr Muslime sind, die eigentlich gar nicht zu Deutschland gehören, weil hier mehr Frauen mit Kopftuch rumlaufen, weil es den Sozialstaat Milliarden kostet, weil Konflikte innerhalb der Gesellschaft zunehmen – und so weiter. Aus dieser Perspektive ist die Flüchtlingskrise eine Bedrohung, und die eigentliche Frage ist nur noch, ob und wie „wir“ es schaffen, diese Bedrohung zu meistern, ob mit Härte und Abweisungen oder mit Integration und Humanität, und in welcher Kombination. Eine politische Interpretation der Flüchtlingskrise, die in dieser eine Chance und eben nicht in erster Linie eine schwierige Herausforderung sieht, fehlt. (Im inneren Ohr höre ich sofort den Aufschrei: sie wollen Deutschland islamisieren, sie wollen die Umvolkung dieses Landes!) Und es ginge um eine politische Interpretation: nicht darum, dass nun dringend benötigte Arbeitskräfte kommen, es ein zweites Jobwunder gibt; in der Tat, hierfür wären Arbeitsvisa besser.

In der ZEIT forderte ein Autor eine linke Erzählung gegen rechtes Denken. Es bräuchte eine demokratische Erzählung, in der Geflüchtete als politische Subjekte eine Rolle spielen. Nach Deutschland kamen ja Menschen, die sich in Syrien für eine Demokratie eingesetzt haben; nach Deutschland kamen Menschen, aus meiner Erfahrung gerade Frauen aus Afghanistan, die hier nach Freiheit suchen. Als Demokraten haben diese Menschen nicht so sehr unsere Hilfsbereitschaft verdient (Hilfe bekommen ja arme Schlucker, die nichts haben), sondern unsere politische Solidarität. Denn Menschen, die mit aller Überzeugung für eine demokratische Revolution stritten; Menschen, die mit aller Kraft ihre Freiheit verteidigen, werden auch dieses Land demokratischer, freier machen können. Das wäre der Kern einer optimistischen, politischen Perspektive auf die Flüchtlingskrise. Es geht nicht allein um humanitäre Hilfe in Not geratener Menschen, es geht vielmehr um Demokratie, hier in Deutschland. Als Demokraten sollten wir andere Menschen, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzen, willkommen heißen, um mit ihnen unsere Demokratie zu stärken. Damit eine Demokratie funktionieren kann, braucht es Vertrauen, braucht es Gesprächsräume zwischen sich „wildfremden“ Menschen. Genauso diese stellte die „Willkommenskultur“ her, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, dass ich, als atheistischer westlicher Mann, mit einer streng muslimischen Frau aus Afghanistan über Fragen der Toleranz, über den Umgang der Geschlechter miteinander sprach und auch stritt, und wir bei allen Differenzen dennoch Freunde blieben. Auch dies gab Anlass zu politischer Hoffnung. Heute fehlt eine solche grundsätzlich optimistische Deutung von 2015. Und es wäre keine einfach naive Deutung, kein naiver Glaube daran, dass alle Geflüchteten diese Gesellschaft wunderbar demokratisch bereichern werden. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mit Geflüchteten zu tun hat, eine solche Illusion hat. Eine in diesem Sinne demokratische Deutung von 2015, eine Deutung, die auch ein Selbstverständnis für die Zukunft formt, könnte einen Rahmen bieten, wie man mit jenen umgeht, die eben nichts von Freiheit und Demokratie halten, ganz gleich ob sie Geflüchtete sind oder sie Deutsche sind, die bedauern, dass die NSDAP nicht mehr zur Wahl steht (von solchen berichtete die ZEIT kürzlich).

Was bleibt also vom Optimismus und von der Demut, die ich 2015 empfand? Trotz all der Verwerfungen und Fragezeichen bleibt eine ganze Menge: die hoffnungsvolle Erfahrung, dass Vertrauen und ja, auch Freundschaft zwischen Fremden funktionieren kann; es bleibt die Demut gegenüber jenen, die mit solcher Kraft und solchem Mut für Demokratie und Freiheit streiten, die darauf beharren, dass sie selbst Entscheidungen über ihr Leben treffen wollen. Zumindest mir ging es bei meinem Engagement in der Flüchtlingskrise schnell nicht mehr nur darum, Menschen in Not zu helfen. Es ging mir darum, für eine freiere, demokratischere Gesellschaft einzutreten, mit allem Pathos. Noch ist es nicht Zeit, das aufzugeben.