Kopfbedeckungen

Es wird, mal wieder, um ein Stück Stoff, das manche – ich weiß nicht einmal, ob es die Mehrheit ist – muslimische Frauen auf ihrem Kopf tragen, diskutiert. Neu an der Debatte ist, dass es diesmal um die Frage geht, ob der Staat Mädchen vor dem Erreichen der Religionsmündigkeit, was in Deutschland im Alter von 14 Jahren geschieht, verbieten kann, das Kopftuch zu tragen.

In der Zeit erhob Cigdem Toprak die Forderung: „Schützt die Kinder vor diesem Tuch!“ Das Kopftuch für Mädchen unter 14 Jahren zu verbieten sei legitim, so die Bloggerin. Ich bin alles als ein „kopftuchloser Kopftuchverteidiger“, wie Toprak nicht-kopftuchtragende Kritiker eines solchen Verbots betitelt. Ich muss zugeben, auch ich finde es einigermaßen abschreckend, wie manche muslimische Männer Frauen erklären, das Kopftuch zu tragen sei eine zwingende Vorschrift, wenn sie eine gute Muslima sein wollten. Wer ein abschreckendes Beispiel sehen will, der schaue sich Videos der Gruppe „Realität Islam“ an. Ich weiß von muslimischen Freundinnen in Flüchtlingsunterkünften, welchen Druck von muslimischen Männern und Frauen es geben kann, wenn sie kein Kopftuch tragen oder wenn sie sich nicht an die Vorschriften des Ramadan halten. Toprak hat zweifellos Recht, wenn sie hier von „sozialer Kontrolle“ spricht, oder zumindest von Versuchen sozialer Kontrolle, denn nicht alle Frauen beugen sich dieser Kontrolle. Ich teile gerne Videos von Frauen im Iran, die gegen den dort herrschenden Kopftuchzwang demonstrieren, indem sie in aller Öffentlichkeit das Kopftuch abnehmen, den Wind in ihren Haaren genießen oder fröhlich tanzen.

Und dennoch gehen die Argumente für ein Kopftuchverbot bei Mädchen unter 14 Jahren, wie sie etwa Toprak vorträgt, fehl. Es geht auch nicht um die Verteidigung des Kopftuchs – was der Koran dazu sagt, ist mir ehrlich gesagt herzlich egal – sondern um die Eingrenzung staatlicher Macht. Ein grundsätzliches Prinzip liberaler Gesellschaften ist, es scheint manchmal der Wiederholung zu bedürfen, dass der Staat sich aus Fragen der individuellen Lebensgestaltung weitestgehend raushält. Es hat den Staat nicht zu interessieren, mit wem man wie oft und wie Sex hat (solange dies im freiwillig und einvernehmlich geschieht, unter den entsprechenden Altersvorgaben), es hat den Staat nicht zu interessieren, ob ich auf der Straße küsse oder das für moralisch verwerflich halte, es hat den Staat nicht zu interessieren, wie viel Haut ich zeige, an welchen Gott ich glaube, oder ob ich Homosexualität für eine Todsünde halte, für die man in die Hölle kommt. Es geht den Staat auch nichts an, nach welchen Werten Eltern ihre Kinder erziehen, ob sie ihnen Bescheidenheit und Demut beibringen, oder ob sie ihre Kinder auf Leistung und Erfolg trimmen; ob sie ihren Kindern einen Glauben an Gott vermitteln, oder ob sie ihren Kindern beibringen, dass in der säkularen Gesellschaft Gott durch finanziellen Erfolg ersetzt wurde. All das geht den Staat nichts an, solange nicht das Wohl des Kindes gefährdet ist.

Genau dieses aber sieht Toprak gefährdet: Die „Freiheit und das Wohl des Kindes“ stehe, so Toprak, in einer „liberalen säkularen Gesellschaft über der Religionsfreiheit der Eltern“. Worin liegt also die Gefährdung des Kindeswohls, die ein staatliches Eingreifen in die Erziehungsrechte der Eltern rechtfertigen würde? Sie sieht das Wohl des Kindes darin gefährdet, so muss man aus ihren Ausführungen schlussfolgern, denn wirklich explizit führt sie dies nicht aus, dass ein Mädchen auf diese Weise einer sozialen Kontrolle ausgesetzt wird. Mit dem Anlegen des Kopftuchs gingen bestimmte Verhaltensregeln einher, die ein Mädchen nun zu erfüllen habe, und für deren Erfüllung es sich vor der „Community“ zu rechtfertigen habe. Darin liege eine Beschränkung der Freiheit des Mädchens. Mit einem Kopftuchverbot ginge es darum, Mädchen vor „überholten Regeln der Community, die selbst unter den Muslimen aus theologischer, pragmatischer und pädagogischer Sicht hinterfragt werden“, zu schützen. Es ist ja erfreulich, dass es eine solche Debatte unter den Muslimen gibt. Aber es ist eben nicht am Staat, diese Debatte zu entscheiden. Mit einem Verbot des Kopftuchs würde Mädchen das Gefühl gegeben, dass sie „nicht nur ihren Eltern und ihrer Community gehören, sondern auch Teil der Mehrheitsgesellschaft sind“, so behauptet Toprak.

Abgesehen davon, dass man sich ja durchaus fragen kann, warum nicht auch Mädchen mit Kopftuch dieses Gefühl gegeben werden sollte: es gibt ja so einiges, was Eltern erlauben oder verbieten können, um ihre Kinder zu Außenseitern zu machen. Eltern, die ihren Kindern kein Smartphone kaufen, oder kaufen können, machen sie wohl vielfach zu sozialen Außenseitern heutzutage. Man könnte durchaus mit einer gewissen Plausibilität argumentieren, dass sie ihren Kindern schaden, weil sie ihnen nicht erlauben die Fähigkeiten zu erlernen, die man in einem digitalen Zeitalter benötigt. Aber man kann eben auch argumentieren, dass sie ihre Kinder vor den schädlichen Auswirkungen des dauernden Medienkonsums schützen. Es bleibt den Eltern überlassen, das zu entscheiden.

Ja, das Kopftuch ist vermutlich ein Ausdruck sozialer Kontrolle. Es bringt bestimmte Haltungen zur Sexualität und zur Körperlichkeit zum Ausdruck, bestimmte Haltungen darüber, was ein moralisch und religiös richtiges Leben ist und was nicht. Ich teile diese Haltungen nicht; aber darüber zu entscheiden, ob diese Haltungen richtig oder falsch sind, obliegt mir ebenso wenig wie dem Staat. Genauso wenig obliegt es dem Staat dafür zu sorgen, dass es keine soziale Kontrolle gibt, solange damit nicht gegen (Straf-)Gesetze verstoßen wird. Auch soziale Kontrolle gibt es ja vielfach, von Eltern und von anderen Communities. Man muss nur mal einen Blick in Fitness-Studios und in die zahlreich vorhandene Literatur zur Kritik an Schönheitsnormen werfen, um einen Eindruck solcher sozialer Kontrolle zu bekommen. Es mag immer noch Orte geben, in denen man schief angesehen wird, wenn die Familie sonntags nicht zur Kirche geht; einen Grund zum staatlichen Eingreifen gibt dies nicht. Und natürlich gibt es peer pressure unter Jugendlichen, ohne dass der Staat eingreifen würde. Kurz und gut: selbst wenn das Kopftuch ein Akt der Unterwerfung unter eine soziale Kontrolle der Community ist, gibt es dem Staat nicht das Recht, hier in elterliche Erziehungsrechte einzugreifen.

Dies gilt umso mehr, da es elterliches Verhalten gibt, was Kinder ganz direkt körperlich gefährdet, ohne dass es staatlicherseits geahndet wird. Zwar betonen alle Mediziner immer wieder, wie gefährlich Rauchen während der Schwangerschaft oder im Beisein kleiner Kinder ist; mit staatlichen Sanktionen belegt ist dieses Verhalten dennoch nicht. Wenn man ins religiöse Feld schaut, dann könnte man gerne die Durchsetzung strenger Fastenregelns während des Ramadans für Minderjährige, zumal für schulpflichtige Kinder und Jugendliche, als Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung der Fürsorgepflicht werten, denn hier wird ganz direkt das gesundheitliche Wohl der Kinder gefährdet. Aber hierüber wird erstaunlicherweise weniger debattiert als über ein Stück Stoff auf dem Kopf von Frauen.

Was der Staat aber machen kann und machen sollte, und dies ist eine wesentliche Aufgabe der Schule, ist dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Normenvorstellungen konfrontiert werden und so in die Lage versetzt werden, selbst zu entscheiden. Ob sie dabei den elterlichen Vorgaben oder anderen folgen, wird sich immer zeigen. Deshalb sollten auch kopftuchtragende Lehrerinnen kein Grund zur Panik sein; junge Mädchen werden erwachsene Frauen mit und ohne Kopftuch kennenlernen, sie werden mit Diskussionen über die Bedeutung des Kopftuchs konfrontiert werden, sie werden die Kritik am Kopftuch kennenlernen, und irgendwann sind sie hoffentlich in der Lage, sich zu entscheiden. Zu behaupten, allein durch das Tragen eines Kopftuchs einer Lehrerin würde schon der Schulfrieden gefährdet, ist daher schlicht ein Schnellschuss. In der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht stellte der Richter, so berichtete der Tagesspiegel, den hypothetischen Fall vor, dass eine Lehrerin mit Kopftuch nach einem Gespräch mit der Mutter einer muslimischen Schülerin, die selbst kein Kopftuch trägt, nun die Tochter diskriminieren könnte; das wäre sicherlich ein Fall für eine Entlassung oder eine Versetzung. Allerdings wäre dies auch der Fall, würde eine Lehrerin ohne Kopftuch die Kinder einer Frau mit Kopftuch diskriminieren; oder eine vegetarische Lehrerin die Kinder von Fleischermeistern. Diskriminierung im Unterricht ist schlichtweg in allen Fällen inakzeptabel. Es wäre übrigens, dies am Rande bemerkt, durchaus eine interessante Aufgabe für alle Lehrerinnen und Lehrer, mit oder ohne Kopftuch, eine Diskussion unter Schülerinnen und Schülern zu genau diesem Thema zu leiten. So wenig der Staat vorschreiben darf, was die Menschen auf ihrem Kopf tragen, so sehr darf er sie in der Schule dazu zwingen, sich mit anderen Einstellungen auseinanderzusetzen.

Es bleibt die Frage, wie viel Freiheit ein Mädchen eigentlich hat, sich gegen den Kopftuch zu entscheiden, wenn es damit auf den Widerstand seiner Eltern stößt. Können wir noch sinnvoll von Freiheit sprechen, wenn die Eltern daher den Kontakt mit dem Mädchen abbrechen? Wenn sie dem Mädchen daher schwere moralische Vorwürfe machen? Eltern können das Verhalten ihrer Kinder aus allen möglichen Gründen missbilligen. Was wäre mit streng vegetarischen Eltern, die mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben wollen, weil diese auf den Geschmack von blutigen Steaks kamen? Gute Eltern wären das sicherlich nicht, und sie sollten durchaus dazu verpflichtet werden, den Unterhalt ihrer Kinder zu bezahlen, und im schlimmsten Fall möge das Jugendamt die Kinder aus der Familie nehmen. Aber dies sind Konflikte, die innerhalb der Familien zu regeln sind, ohne dass der Staat hier Vorschriften macht. Genauso verhält es sich beim Kopftuch. Es sind Konflikte, die innerhalb der Familien, innerhalb der Communities ausgetragen werden sollten. Der Staat kann, vor allem in der Schule, dazu beitragen, dass diese Konflikte sichtbar werden, dass sich die Menschen mit den Konflikten auseinandersetzen müssen. Aber er sollte sie nicht entscheiden.

Daher hat Toprak auch Recht, wenn sie schreibt: „Wer für eine tolerante und multikulturelle Gesellschaft einsteht, darf sich nicht davor scheuen, Kritik an dogmatischen und absoluten Ideen im islamischen Kontext auszuüben.“ Das kann sich durchaus auf scharfe und polemische Kritiken am Kopftuch erstrecken. Von mir aus kann man gerne eine Demonstration für radikal befreite Sexualität und die Darstellung von Sexualität vor einer Moschee durchführen. Aber das sind Konflikte innerhalb der Gesellschaft, in die der Staat nicht eingreifen sollte. Wie die Menschen ihr Leben gestalten, wie sie zur Sexualität stehen, geht den Staat nichts an. Ein liberaler Staat muss hier Zurückhaltung üben, selbst dann, wenn die Wertvorstellungen der Eltern denen einer liberalen Gesellschaft widersprechen. Es geht nicht ums Kopftuch, sondern um ein Verständnis der Reichweite staatlicher Gewalt. Es geht darum, hier konsequent zu sein, auch wenn es vielleicht vom Inhalt her schmerzt.