Müssen wir wirklich reden?

(English below.)

 

Vor kurzem veröffentlichte der Tagesspiegel einen Kommentar einer Leserin, die sich über Burkinis in öffentlichen Schwimmbädern echauffierte, und generell auf eine strenge Durchsetzung gesellschaftlicher Normen gegenüber Flüchtlingen pochte, notfalls mit Sanktionsandrohungen. Als ich den Artikel in der Facebook-Gruppe „Mit Herz für Flüchtlinge“ postete, wurde er lebhaft diskutiert – wobei es eigentlich nur um Burkinis ging. Ich selbst schrieb daraufhin einen kurzen Leserbrief an den Tagesspiegel, der mindestens 230 Mal kommentiert wurde (das war die letzte Zahl, die ich sah). Mir war es um eine generelle Haltung gegenüber Flüchtlingen gegangen; der Tagesspiegel machte durch die Wahl der Überschrift einen Text über Burkinis daraus. In einer anderen, syrischen Facebook-Gruppe hatte jemand ein Video der (islamistischen) Organisation „Realität Islam“ gepostet, das sich gegen ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren aussprach, wie es in Nordrhein-Westphalen diskutiert wurde. Auch dieses Video wurde lebhaft diskutiert, und erntete übrigens mehrheitlich scharfen Widerspruch. Es ist offensichtlich ein „hot topic“ der die Gemüter erregt.

In der Gruppe „Mit Herz für Flüchtlinge“ diskutierten vornehmlich Deutsche (und in der Mehrzahl Frauen), in der syrischen Gruppe vornehmlich Syrer (und, meinem Eindruck nach, in der Mehrzahl Männer) – über muslimische (syrische, afghanische, türkische, deutsche – es ist egal) Frauen und Mädchen. Aber selten wird miteinander diskutiert. Daher hatte ich die Idee, irgendwie ein Forum zu schaffen, auf dem ein solcher Austausch stattfinden könnte. Nun, gerne hier, und ich bin offen für weitere Ideen, wie und wo das besser gehen könnte.

Ich habe zu der Frage ja auch, wie zu fast allem, meine eigene Meinung. Zu den Erinnerungen der Urlaube meiner Kindheit und frühen Jugend gehören französische Strände, mit Frauen und Mädchen (und nur um diese geht es ja in all den Diskussionen) jeden Alters, die in Bikinis viel Haut zeigten. Ja, darin lag eine Erotik dieser Strände, auch ein Gefühl von Freiheit, einfach den (schönen) Körper zeigen zu können, die Sonne und den Wind auf der Haut genießen zu können. Ich würde solche Strände, zu denen unauslöschlich diese Körper gehören, nicht missen wollen. Und ja, ein wenig hoffe ich, dass meine Freundinnen aus Syrien und Afghanistan eines Tages auch die Sonne auf ihrer Haut an einem dieser Strände spüren können. Aber erstens ist es schlichtweg quatsch zu befürchten, bald würden die Strände Frankreichs (oder auch Italiens oder Spaniens) nur noch von Burkinis tragenden Frauen bevölkert. Wer solche Ängste hat, der wäre eher Gegenstand der Psychoanalyse. Und zweitens, und das ist um ein vielfaches wichtiger, begründen solche persönlichen Präferenzen eben keinerlei Verbote. Dass mir etwas gefällt oder nicht gefällt, ist kein Grund dafür, dass sich irgendjemand dementsprechend verhalten sollte. Natürlich, ich kann dafür werben, ich kann versuchen, meine Freundinnen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Gefühl ist, im Bikini am Strand zu liegen, wenn ich das will. Aber irgendein Gebot oder Verbot lässt sich damit nicht legitimieren.

Insofern: sprecht, diskutiert und streitet darüber, untereinander und höflich, was hier geboten und verboten sein soll.

Aber: Ist eine solches Gespräch, eine solche Diskussion wirklich wichtig? Mich beschleicht zumindest ein Unbehagen, dass die Frage, wie der Körper von Frauen reguliert werden soll, was sie anziehen dürfen und was nicht, eine solche Aufmerksamkeit erregt. Der Körper von Männern ist da ja viel unproblematischer. Zu Körpern von Frauen hat jeder etwas zu sagen (nur diejenigen, um die es in der Diskussion geht, sind oft still). Ist das wirklich das wichtigste Thema, über das wir sprechen müssen?

Und, genereller gefragt, müssen wir überhaupt so viel reden, so viel diskutieren? Kürzlich saß ein syrischer Freund bei mir, der frustriert bemerkte: Es geht immer nur um die AfD und um Flüchtlinge, um Flüchtlinge und um die AfD. Er will einfach seinen Job machen, gesund sein, Freunde sehen, eben sein Leben leben. Er ist nicht der erste Freund aus Syrien, von dem ich so etwas höre. Es ist vielleicht bezeichnend, dass die meisten meiner syrischen Bekannten, die hier in Deutschland studieren, technische Fächer studieren, Informatik oder Maschinenbau etwa, jedenfalls Fächer, in denen es nicht um politische oder soziale Fragen geht. Das Motiv hinter diesem Kommentar insbesondere, aber auch hinter vielen meiner Kommentare sonst, ist ja, zu einem Gespräch zu motivieren. Ganz in diesem Sinne wollen ja auch Zeit und Tagesspiegel Menschen unterschiedlicher politischer Haltungen dazu bringen, miteinander zu sprechen. Aber: brauchen wir das wirklich? Kann es vielleicht ein „Zuviel“ des (politischen) Diskutierens geben? Und: worüber sollten wir eigentlich sprechen?

 

 

Do we really need to talk?

Recently, the Tagesspiegel published a commentary by a reader that complained about women wearing Burkinis in public swimming pools, and that called in general for enforcing social norms vis-à-vis refugees, if necessary by threatening them with sanctions. When I posted the article in the Facebook-Group “Mit Herz für Flüchtlinge”, we had a lively discussion about – though the discussion actually focused mostly on Burkinis. I wrote a short letter to the editor, which Tagesspiegel published. The online version received at least 230 comments (it was the last number I saw). The text was about a general attitude towards refugees; Tagesspiegel framed it as a text about Burkinis by giving it such a title. In another, Syrian Facebook group, someone had posted a video of the (Islamisist) organization “Realität Islam” that opposed a ban of the veil for girls under the age of 14, something that was discussed in Northrhine-Westphalia. This video, too, caused a lively debate, and, in fact, received mostly critical comments. It’s apparently a “hot topic” that raises passions.

In the group “Mit Herz für Flüchtlinge”, mostly Germans (and most women) discussed, in the Syrian group mostly Syrians (and, that was my impression at last, mostly men) – about Muslim (Syrian, Afghani, Turkish, German – it does not matter) girls and women. But rather is there a discussion between Germans and Syrians, it seems to me, at least not online. Thus I had the idea to create a place where such an exchange could take place. Well, here it is, and I’m open to other ideas where and how this might happen in a better way.

I have, of course, my own opinion, as I have an opinion on anything under the sun. Part of the memory of vacations during my childhood and early youth are French beaches with girls and women (and all these debates are only about girls and women) of all ages showing their bodies and skins in Bikinis. Yes, this created a certain erotic of these beaches, as well as a feeling of freedom; simply being able to show the (beautiful) body, the feel the sun and wind on the skin. I would not want to miss such beaches, where those bodies inextinguishably belong. And yes, I hope a bit, that one day my female friends from Syria and Afghanistan will be able to feel the sun on their skin at those beaches too. But, first of all, it is simply nonsense to believe that the beaches of France (or those of Italy or Spain) will soon be populated by exclusively women wearing Burkinis. Whoever has such fears would be a case for psychoanalysis. And second, and that is even more importantly, such personal preferences do not legitimize any restrictions. That I happen to like or dislike something is no reason for anyone to behave accordingly. Of course, I can, if I want to, try to convince my friends that it’s a great feeling to chill at the beach wearing a bikini. But no rule or restriction can be legitimized that way.

Thus: Discuss about Burkinis and Bikinis, what should be allowed and what not, but please remain polite.

But is such a conversation, such a discussion really important? I can’t hide a certain discomfort that the question of how women’s bodies should be regulated, what they are allowed to wear and what not, attracts such attention. Men’s bodies are much less problematic. Anyone has to say something about women’s bodies (only those who are actually the subject of the discussion often remain silent). Is this really the most important topic we need to discuss?

And, more generally, do we really need to talk that much, to discuss that much? Recently, a Syrian friend was visiting me who remarked somewhat frustrated: it’s always about the AfD and refugees, about refugees and the AfD. He just wants to do his job, be healthy, meet friends, just live his life. He was not the first friend to make such a comment. It is perhaps telling that most of my Syrian acquaintances who study here in Germany study technical subjects, computer sciences or engineering, subjects that do not deal with political or social questions. The motivation behind this comment in particular, and behind much of what I’m writing, is to motivate for conversations, not least between people who might usually not talk to each other. In that spirit also German newspapers such as the Zeit or Tagesspiegel want to encourage Germans with different political opinions to talk to each other. But: do we really need this? Could there be “too much” of (political) discussions? And: About what should we actually talk?