Deutschland einig Quasselland

Deutschland ist gespalten, und die Spaltungen werden immer schlimmer. So kann man es tagaus, tagein in Zeitungsberichten, Kommentaren oder Reden von Politikern lesen und hören. Darüber immerhin scheint, bei allen Spaltungen, Einigkeit zu bestehen. Entlang welcher Gräben die Gesellschaft gespalten ist, wird nicht immer ganz deutlich ausgesprochen. Aber grundsätzlich sind es wohl in erster Linie unterschiedliche Einstellungen zu Flucht und Migration, die Deutschland angeblich entzweien, aber auch tieferliegende Einstellungen zur Demokratie und offenen Gesellschaft. Es sind jedenfalls nicht die tiefen konfessionellen Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten, die Deutschland über einen langen Zeitraum hinweg spalteten: es ist ja nicht so, als wäre die Vision des „einig Vaterland“ ohne Risse und Verwerfungen je Realität gewesen. Jedenfalls, diese Spaltungen werden gemeinhin als Problem wahrgenommen, das die deutsche Gesellschaft bedroht. Deutschland brauche mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, wird allenthalben gefordert, und dazu gehört nicht zuletzt die Fähigkeit, mit Andersdenkenden zu sprechen und zu diskutieren. Die Bürgerinnen und Bürger sollten die Filterblasen der sozialen Medien verlassen und ein Verständnis für die Sicht der anderen Seite (und Seiten) gewinnen. Ein freundliches Gespräch aller mit allen könnte die Deutschen wieder miteinander versöhnen und die Grundlage für die Polis stärken. Ganz besonders soll man „mit Rechten reden“; dass man mit Deutschen, die voller Begeisterung Erdogan zujubeln, reden soll, habe ich noch nicht gehört. Nur bestimmte Deutsche mit, vorsichtig formuliert, problematischen Haltungen zur Demokratie sind es wert, dass man mit ihnen spricht und sie wieder ins Boot der Demokratie holt.

Deutsche Zeitungen, allen voran die Wochenzeitung Zeit im Verbund mit diversen regionalen Tageszeitungen, bemühen sich nun, unter dem Motto „Deutschland spricht“ Andersdenkende zum Gespräch miteinander zusammen zu bringen. In der Zeit feiert Bastian Berbner das Projekt und seine Intentionen. Die Sprachlosigkeit von links wie rechts bereitet ihm Sorgen; auch wenn er mit den Grünen sympathisiert, so ist er doch schockiert von der Weigerung im mehr oder weniger eigenen Milieu, mit dem politischen Gegner, der AfD, überhaupt zu reden. Gegner einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen als „unmenschlich“ zu bezeichnen, wie es eine junge Grüne tat, spreche diesen ihr Menschsein ab, und das hält Berbner für brandgefährlich. Die Menschen, links wie rechts, haben Angst, Angst davor, dass ihre Identität infrage gestellt wird, und so steigt der „Cortisol-Spiegel“ der Gesellschaft, findet er. Doch Abhilfe ist nah, und sie ist sehr einfach: wir brauchen „Kontakt“. Wer Kontakt miteinander hat, hasst nicht, will dem Gegenüber nichts Böses, wie Berbner im Gespräch mit Psychologen herausfand. Also, lernt euch kennen, sprecht miteinander, und schon verfliegt der Hass, schon können gemeinsam, im Gespräch, Lösungen gefunden werden, und die Spaltung der Gesellschaft wird überwunden. So einfach ist das Programm.

Dass Berbner mit Psychologen sprach, und nicht etwa mit Politikwissenschaftlern, ist bemerkenswert. Es scheint vor allem um emotionale Probleme zu gehen, um Hass und Ablehnung, nicht um politische Probleme. Von Politikwissenschaftlern hätte er übrigens durchaus etwas über die Diskussion und die Fähigkeit zu diskutieren als demokratische Tugend lernen können. Daher wirkt die Lobpreisung des Gesprächs auch einigermaßen naiv: wenn nur alle am Tisch säßen, Grüne Jugend wie Junge Alternative, Migranten wie weiße, alte Männer, würde sich schon eine Lösung finden. So bewegt sich seine Argumentation auf einer rein psychologischen Ebene, aber nicht auf einer politischen. Wenn die AfD im Bundestag oder in Talkshows boykottiert werde, dann gebe das ihren Wählern das Gefühl, ihre Stimme sei weniger wert. Und vor allem, meint er, bräuchte es ein besseres Gespräch: im Moment befände sich das Niveau der Auseinandersetzung auf dem von Schulhofrüpeln.

Ob man mit Rechten reden soll oder nicht, wurde oft und ausreichend kommentiert. Die Lobpreisung des „Deutschland Spricht“ Projekts aus der Feder von Berbner offenbart ein anderes Problem dieser Sehnsucht nach dem allumfassenden Gespräch: es verkennt, dass es um Politik geht. Wenn die AfD im Bundestag wie auch in Talkshows boykottiert wird, geht es eben nicht um ein schlicht emotionales Signal: „deine Stimme ist nichts wert“, sondern um ein politisches Signal: „deine politische Meinung steht außerhalb des demokratischen Diskurses“. Um das Gleiche geht es im Umgang mit den AfD-Anhängern: ob man das rüpelhaft formuliert oder nicht, im Zentrum steht die Frage, ob ihre Positionen als innerhalb des demokratischen Spektrums legitim wahrgenommen werden. Aber diese Frage stellt sich Berbner gar nicht, denn es geht ihm ganz allgemein ums Gespräch als solches und die Fähigkeit, einen Kompromiss zu finden. Man muss sich nur irgendwie ein wenig sympathisch finden, dann klappt das schon. Was gesagt wird, ist zunächst gleichgültig, wichtig ist, dass es gesagt wird, und dass man sich mag. Deutschland als große quasselnde Kuschelrunde, so wünscht er sich das wohl.

Dabei bemerkt er nicht, dass es eben durchaus auf den Inhalt des Gesagten ankommt. Die Möglichkeit eines Kompromisses einzuräumen bedeutet implizit anzuerkennen, dass der andere zumindest teils auch Recht haben könnte. Letztlich macht ein Gespräch nur dann Sinn, wenn man davon der Position des Gegenübers zumindest eine gewisse Legitimität einräumt. Aber manchmal besteht kein Raum für Kompromisse. Wie sollte denn etwa ein Kompromiss zu der Forderung, einem Mann solle das Schlagen seiner Ehefrau erlaubt sein, aussehen? Er darf sie nur ein bisschen schlagen, um sich irgendwo in der Mitte zu treffen? Wie sollte man mit dem interviewten Neonazi Sven, der Juden und Muslime für „Passdeutsche“ hält, einen Kompromiss schließen?

Berbner zitiert Statistiken, denen zufolge nur eine Minderheit der Soldaten im Gefecht wirklich auf ihre Gegner schoss: wenn man sich nahe ist, dann fällt das töten schwer, so die Schlussfolgerung. Hätte er mit Historikern gesprochen, hätten sie ihm vielleicht verstörende Geschichten erzählt: von deutschen Polizisten, die im Holocaust Juden erschießen sollten. Sie begleiteten sie zur Erschießungsstelle, unterhielten sich mit ihnen, stellten fest, dass sie aus der gleichen Stadt kamen, dass sie früher in das Kino der Juden gegangen waren; und dann erschossen die Polizisten ihre ehemaligen Nachbarn; und das, obwohl der Kommandeur ihnen freigestellt hatte, sich an der „Aktion“ nicht zu beteiligen. Oder er hätte darüber lesen können, wie ein Ehemann seiner Frau schilderte, wie er kleine jüdische Babys erschoss, dabei an seine eigenen Kinder denkend: nur so könne er, so meinte er voller Stolz, seine eigenen Kinder vor dem Weltjudentum schützen. Er fühlte sich wohl wirklich als liebender Familienvater, als er kleine Kinder tötete.

Kurz, es geht nicht um gegenseitige Sympathie, es geht um politische Einstellungen und die Konsequenzen, die daraus folgen. Es geht nicht darum, ob ein Neonazi Sven ein irgendwie auch netter Typ ist, ob er andere nun hasst oder nicht, es geht darum, was er politisch denkt, fordert und tut. Was bedeutet es dann, wenn im Gespräch gesellschaftliche und politische Spaltungen überwunden werden sollen? Geht es einfach darum, dass wir uns alle wieder ein bisschen mehr mögen? Was soll das für ein Erfolgsversprechen sein, dass ein Gespräch mit einem Neonazi drei Stunden lang nicht eskaliert? Heißt das, dass seine Positionen nun teil des demokratischen Diskurses sein können? So wichtig das Diskutieren als demokratische Kommunikationsform ist, nicht jede Spaltung ist es wert überwunden zu werden, nicht jede Position ist diskutabel. Und ob man sich dabei persönlich nett findet oder nicht, ist ziemlich irrelevant.