Deutschland einig Quasselland

Deutschland ist gespalten, und die Spaltungen werden immer schlimmer. So kann man es tagaus, tagein in Zeitungsberichten, Kommentaren oder Reden von Politikern lesen und hören. Darüber immerhin scheint, bei allen Spaltungen, Einigkeit zu bestehen. Entlang welcher Gräben die Gesellschaft gespalten ist, wird nicht immer ganz deutlich ausgesprochen. Aber grundsätzlich sind es wohl in erster Linie unterschiedliche Einstellungen zu Flucht und Migration, die Deutschland angeblich entzweien, aber auch tieferliegende Einstellungen zur Demokratie und offenen Gesellschaft. Es sind jedenfalls nicht die tiefen konfessionellen Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten, die Deutschland über einen langen Zeitraum hinweg spalteten: es ist ja nicht so, als wäre die Vision des „einig Vaterland“ ohne Risse und Verwerfungen je Realität gewesen. Jedenfalls, diese Spaltungen werden gemeinhin als Problem wahrgenommen, das die deutsche Gesellschaft bedroht. Deutschland brauche mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, wird allenthalben gefordert, und dazu gehört nicht zuletzt die Fähigkeit, mit Andersdenkenden zu sprechen und zu diskutieren. Die Bürgerinnen und Bürger sollten die Filterblasen der sozialen Medien verlassen und ein Verständnis für die Sicht der anderen Seite (und Seiten) gewinnen. Ein freundliches Gespräch aller mit allen könnte die Deutschen wieder miteinander versöhnen und die Grundlage für die Polis stärken. Ganz besonders soll man „mit Rechten reden“; dass man mit Deutschen, die voller Begeisterung Erdogan zujubeln, reden soll, habe ich noch nicht gehört. Nur bestimmte Deutsche mit, vorsichtig formuliert, problematischen Haltungen zur Demokratie sind es wert, dass man mit ihnen spricht und sie wieder ins Boot der Demokratie holt.

Deutsche Zeitungen, allen voran die Wochenzeitung Zeit im Verbund mit diversen regionalen Tageszeitungen, bemühen sich nun, unter dem Motto „Deutschland spricht“ Andersdenkende zum Gespräch miteinander zusammen zu bringen. In der Zeit feiert Bastian Berbner das Projekt und seine Intentionen. Die Sprachlosigkeit von links wie rechts bereitet ihm Sorgen; auch wenn er mit den Grünen sympathisiert, so ist er doch schockiert von der Weigerung im mehr oder weniger eigenen Milieu, mit dem politischen Gegner, der AfD, überhaupt zu reden. Gegner einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen als „unmenschlich“ zu bezeichnen, wie es eine junge Grüne tat, spreche diesen ihr Menschsein ab, und das hält Berbner für brandgefährlich. Die Menschen, links wie rechts, haben Angst, Angst davor, dass ihre Identität infrage gestellt wird, und so steigt der „Cortisol-Spiegel“ der Gesellschaft, findet er. Doch Abhilfe ist nah, und sie ist sehr einfach: wir brauchen „Kontakt“. Wer Kontakt miteinander hat, hasst nicht, will dem Gegenüber nichts Böses, wie Berbner im Gespräch mit Psychologen herausfand. Also, lernt euch kennen, sprecht miteinander, und schon verfliegt der Hass, schon können gemeinsam, im Gespräch, Lösungen gefunden werden, und die Spaltung der Gesellschaft wird überwunden. So einfach ist das Programm.

Dass Berbner mit Psychologen sprach, und nicht etwa mit Politikwissenschaftlern, ist bemerkenswert. Es scheint vor allem um emotionale Probleme zu gehen, um Hass und Ablehnung, nicht um politische Probleme. Von Politikwissenschaftlern hätte er übrigens durchaus etwas über die Diskussion und die Fähigkeit zu diskutieren als demokratische Tugend lernen können. Daher wirkt die Lobpreisung des Gesprächs auch einigermaßen naiv: wenn nur alle am Tisch säßen, Grüne Jugend wie Junge Alternative, Migranten wie weiße, alte Männer, würde sich schon eine Lösung finden. So bewegt sich seine Argumentation auf einer rein psychologischen Ebene, aber nicht auf einer politischen. Wenn die AfD im Bundestag oder in Talkshows boykottiert werde, dann gebe das ihren Wählern das Gefühl, ihre Stimme sei weniger wert. Und vor allem, meint er, bräuchte es ein besseres Gespräch: im Moment befände sich das Niveau der Auseinandersetzung auf dem von Schulhofrüpeln.

Ob man mit Rechten reden soll oder nicht, wurde oft und ausreichend kommentiert. Die Lobpreisung des „Deutschland Spricht“ Projekts aus der Feder von Berbner offenbart ein anderes Problem dieser Sehnsucht nach dem allumfassenden Gespräch: es verkennt, dass es um Politik geht. Wenn die AfD im Bundestag wie auch in Talkshows boykottiert wird, geht es eben nicht um ein schlicht emotionales Signal: „deine Stimme ist nichts wert“, sondern um ein politisches Signal: „deine politische Meinung steht außerhalb des demokratischen Diskurses“. Um das Gleiche geht es im Umgang mit den AfD-Anhängern: ob man das rüpelhaft formuliert oder nicht, im Zentrum steht die Frage, ob ihre Positionen als innerhalb des demokratischen Spektrums legitim wahrgenommen werden. Aber diese Frage stellt sich Berbner gar nicht, denn es geht ihm ganz allgemein ums Gespräch als solches und die Fähigkeit, einen Kompromiss zu finden. Man muss sich nur irgendwie ein wenig sympathisch finden, dann klappt das schon. Was gesagt wird, ist zunächst gleichgültig, wichtig ist, dass es gesagt wird, und dass man sich mag. Deutschland als große quasselnde Kuschelrunde, so wünscht er sich das wohl.

Dabei bemerkt er nicht, dass es eben durchaus auf den Inhalt des Gesagten ankommt. Die Möglichkeit eines Kompromisses einzuräumen bedeutet implizit anzuerkennen, dass der andere zumindest teils auch Recht haben könnte. Letztlich macht ein Gespräch nur dann Sinn, wenn man davon der Position des Gegenübers zumindest eine gewisse Legitimität einräumt. Aber manchmal besteht kein Raum für Kompromisse. Wie sollte denn etwa ein Kompromiss zu der Forderung, einem Mann solle das Schlagen seiner Ehefrau erlaubt sein, aussehen? Er darf sie nur ein bisschen schlagen, um sich irgendwo in der Mitte zu treffen? Wie sollte man mit dem interviewten Neonazi Sven, der Juden und Muslime für „Passdeutsche“ hält, einen Kompromiss schließen?

Berbner zitiert Statistiken, denen zufolge nur eine Minderheit der Soldaten im Gefecht wirklich auf ihre Gegner schoss: wenn man sich nahe ist, dann fällt das töten schwer, so die Schlussfolgerung. Hätte er mit Historikern gesprochen, hätten sie ihm vielleicht verstörende Geschichten erzählt: von deutschen Polizisten, die im Holocaust Juden erschießen sollten. Sie begleiteten sie zur Erschießungsstelle, unterhielten sich mit ihnen, stellten fest, dass sie aus der gleichen Stadt kamen, dass sie früher in das Kino der Juden gegangen waren; und dann erschossen die Polizisten ihre ehemaligen Nachbarn; und das, obwohl der Kommandeur ihnen freigestellt hatte, sich an der „Aktion“ nicht zu beteiligen. Oder er hätte darüber lesen können, wie ein Ehemann seiner Frau schilderte, wie er kleine jüdische Babys erschoss, dabei an seine eigenen Kinder denkend: nur so könne er, so meinte er voller Stolz, seine eigenen Kinder vor dem Weltjudentum schützen. Er fühlte sich wohl wirklich als liebender Familienvater, als er kleine Kinder tötete.

Kurz, es geht nicht um gegenseitige Sympathie, es geht um politische Einstellungen und die Konsequenzen, die daraus folgen. Es geht nicht darum, ob ein Neonazi Sven ein irgendwie auch netter Typ ist, ob er andere nun hasst oder nicht, es geht darum, was er politisch denkt, fordert und tut. Was bedeutet es dann, wenn im Gespräch gesellschaftliche und politische Spaltungen überwunden werden sollen? Geht es einfach darum, dass wir uns alle wieder ein bisschen mehr mögen? Was soll das für ein Erfolgsversprechen sein, dass ein Gespräch mit einem Neonazi drei Stunden lang nicht eskaliert? Heißt das, dass seine Positionen nun teil des demokratischen Diskurses sein können? So wichtig das Diskutieren als demokratische Kommunikationsform ist, nicht jede Spaltung ist es wert überwunden zu werden, nicht jede Position ist diskutabel. Und ob man sich dabei persönlich nett findet oder nicht, ist ziemlich irrelevant.

Müssen wir wirklich reden?

(English below.)

 

Vor kurzem veröffentlichte der Tagesspiegel einen Kommentar einer Leserin, die sich über Burkinis in öffentlichen Schwimmbädern echauffierte, und generell auf eine strenge Durchsetzung gesellschaftlicher Normen gegenüber Flüchtlingen pochte, notfalls mit Sanktionsandrohungen. Als ich den Artikel in der Facebook-Gruppe „Mit Herz für Flüchtlinge“ postete, wurde er lebhaft diskutiert – wobei es eigentlich nur um Burkinis ging. Ich selbst schrieb daraufhin einen kurzen Leserbrief an den Tagesspiegel, der mindestens 230 Mal kommentiert wurde (das war die letzte Zahl, die ich sah). Mir war es um eine generelle Haltung gegenüber Flüchtlingen gegangen; der Tagesspiegel machte durch die Wahl der Überschrift einen Text über Burkinis daraus. In einer anderen, syrischen Facebook-Gruppe hatte jemand ein Video der (islamistischen) Organisation „Realität Islam“ gepostet, das sich gegen ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren aussprach, wie es in Nordrhein-Westphalen diskutiert wurde. Auch dieses Video wurde lebhaft diskutiert, und erntete übrigens mehrheitlich scharfen Widerspruch. Es ist offensichtlich ein „hot topic“ der die Gemüter erregt.

In der Gruppe „Mit Herz für Flüchtlinge“ diskutierten vornehmlich Deutsche (und in der Mehrzahl Frauen), in der syrischen Gruppe vornehmlich Syrer (und, meinem Eindruck nach, in der Mehrzahl Männer) – über muslimische (syrische, afghanische, türkische, deutsche – es ist egal) Frauen und Mädchen. Aber selten wird miteinander diskutiert. Daher hatte ich die Idee, irgendwie ein Forum zu schaffen, auf dem ein solcher Austausch stattfinden könnte. Nun, gerne hier, und ich bin offen für weitere Ideen, wie und wo das besser gehen könnte.

Ich habe zu der Frage ja auch, wie zu fast allem, meine eigene Meinung. Zu den Erinnerungen der Urlaube meiner Kindheit und frühen Jugend gehören französische Strände, mit Frauen und Mädchen (und nur um diese geht es ja in all den Diskussionen) jeden Alters, die in Bikinis viel Haut zeigten. Ja, darin lag eine Erotik dieser Strände, auch ein Gefühl von Freiheit, einfach den (schönen) Körper zeigen zu können, die Sonne und den Wind auf der Haut genießen zu können. Ich würde solche Strände, zu denen unauslöschlich diese Körper gehören, nicht missen wollen. Und ja, ein wenig hoffe ich, dass meine Freundinnen aus Syrien und Afghanistan eines Tages auch die Sonne auf ihrer Haut an einem dieser Strände spüren können. Aber erstens ist es schlichtweg quatsch zu befürchten, bald würden die Strände Frankreichs (oder auch Italiens oder Spaniens) nur noch von Burkinis tragenden Frauen bevölkert. Wer solche Ängste hat, der wäre eher Gegenstand der Psychoanalyse. Und zweitens, und das ist um ein vielfaches wichtiger, begründen solche persönlichen Präferenzen eben keinerlei Verbote. Dass mir etwas gefällt oder nicht gefällt, ist kein Grund dafür, dass sich irgendjemand dementsprechend verhalten sollte. Natürlich, ich kann dafür werben, ich kann versuchen, meine Freundinnen davon zu überzeugen, dass es ein tolles Gefühl ist, im Bikini am Strand zu liegen, wenn ich das will. Aber irgendein Gebot oder Verbot lässt sich damit nicht legitimieren.

Insofern: sprecht, diskutiert und streitet darüber, untereinander und höflich, was hier geboten und verboten sein soll.

Aber: Ist eine solches Gespräch, eine solche Diskussion wirklich wichtig? Mich beschleicht zumindest ein Unbehagen, dass die Frage, wie der Körper von Frauen reguliert werden soll, was sie anziehen dürfen und was nicht, eine solche Aufmerksamkeit erregt. Der Körper von Männern ist da ja viel unproblematischer. Zu Körpern von Frauen hat jeder etwas zu sagen (nur diejenigen, um die es in der Diskussion geht, sind oft still). Ist das wirklich das wichtigste Thema, über das wir sprechen müssen?

Und, genereller gefragt, müssen wir überhaupt so viel reden, so viel diskutieren? Kürzlich saß ein syrischer Freund bei mir, der frustriert bemerkte: Es geht immer nur um die AfD und um Flüchtlinge, um Flüchtlinge und um die AfD. Er will einfach seinen Job machen, gesund sein, Freunde sehen, eben sein Leben leben. Er ist nicht der erste Freund aus Syrien, von dem ich so etwas höre. Es ist vielleicht bezeichnend, dass die meisten meiner syrischen Bekannten, die hier in Deutschland studieren, technische Fächer studieren, Informatik oder Maschinenbau etwa, jedenfalls Fächer, in denen es nicht um politische oder soziale Fragen geht. Das Motiv hinter diesem Kommentar insbesondere, aber auch hinter vielen meiner Kommentare sonst, ist ja, zu einem Gespräch zu motivieren. Ganz in diesem Sinne wollen ja auch Zeit und Tagesspiegel Menschen unterschiedlicher politischer Haltungen dazu bringen, miteinander zu sprechen. Aber: brauchen wir das wirklich? Kann es vielleicht ein „Zuviel“ des (politischen) Diskutierens geben? Und: worüber sollten wir eigentlich sprechen?

 

 

Do we really need to talk?

Recently, the Tagesspiegel published a commentary by a reader that complained about women wearing Burkinis in public swimming pools, and that called in general for enforcing social norms vis-à-vis refugees, if necessary by threatening them with sanctions. When I posted the article in the Facebook-Group “Mit Herz für Flüchtlinge”, we had a lively discussion about – though the discussion actually focused mostly on Burkinis. I wrote a short letter to the editor, which Tagesspiegel published. The online version received at least 230 comments (it was the last number I saw). The text was about a general attitude towards refugees; Tagesspiegel framed it as a text about Burkinis by giving it such a title. In another, Syrian Facebook group, someone had posted a video of the (Islamisist) organization “Realität Islam” that opposed a ban of the veil for girls under the age of 14, something that was discussed in Northrhine-Westphalia. This video, too, caused a lively debate, and, in fact, received mostly critical comments. It’s apparently a “hot topic” that raises passions.

In the group “Mit Herz für Flüchtlinge”, mostly Germans (and most women) discussed, in the Syrian group mostly Syrians (and, that was my impression at last, mostly men) – about Muslim (Syrian, Afghani, Turkish, German – it does not matter) girls and women. But rather is there a discussion between Germans and Syrians, it seems to me, at least not online. Thus I had the idea to create a place where such an exchange could take place. Well, here it is, and I’m open to other ideas where and how this might happen in a better way.

I have, of course, my own opinion, as I have an opinion on anything under the sun. Part of the memory of vacations during my childhood and early youth are French beaches with girls and women (and all these debates are only about girls and women) of all ages showing their bodies and skins in Bikinis. Yes, this created a certain erotic of these beaches, as well as a feeling of freedom; simply being able to show the (beautiful) body, the feel the sun and wind on the skin. I would not want to miss such beaches, where those bodies inextinguishably belong. And yes, I hope a bit, that one day my female friends from Syria and Afghanistan will be able to feel the sun on their skin at those beaches too. But, first of all, it is simply nonsense to believe that the beaches of France (or those of Italy or Spain) will soon be populated by exclusively women wearing Burkinis. Whoever has such fears would be a case for psychoanalysis. And second, and that is even more importantly, such personal preferences do not legitimize any restrictions. That I happen to like or dislike something is no reason for anyone to behave accordingly. Of course, I can, if I want to, try to convince my friends that it’s a great feeling to chill at the beach wearing a bikini. But no rule or restriction can be legitimized that way.

Thus: Discuss about Burkinis and Bikinis, what should be allowed and what not, but please remain polite.

But is such a conversation, such a discussion really important? I can’t hide a certain discomfort that the question of how women’s bodies should be regulated, what they are allowed to wear and what not, attracts such attention. Men’s bodies are much less problematic. Anyone has to say something about women’s bodies (only those who are actually the subject of the discussion often remain silent). Is this really the most important topic we need to discuss?

And, more generally, do we really need to talk that much, to discuss that much? Recently, a Syrian friend was visiting me who remarked somewhat frustrated: it’s always about the AfD and refugees, about refugees and the AfD. He just wants to do his job, be healthy, meet friends, just live his life. He was not the first friend to make such a comment. It is perhaps telling that most of my Syrian acquaintances who study here in Germany study technical subjects, computer sciences or engineering, subjects that do not deal with political or social questions. The motivation behind this comment in particular, and behind much of what I’m writing, is to motivate for conversations, not least between people who might usually not talk to each other. In that spirit also German newspapers such as the Zeit or Tagesspiegel want to encourage Germans with different political opinions to talk to each other. But: do we really need this? Could there be “too much” of (political) discussions? And: About what should we actually talk?

Kopfbedeckungen

Es wird, mal wieder, um ein Stück Stoff, das manche – ich weiß nicht einmal, ob es die Mehrheit ist – muslimische Frauen auf ihrem Kopf tragen, diskutiert. Neu an der Debatte ist, dass es diesmal um die Frage geht, ob der Staat Mädchen vor dem Erreichen der Religionsmündigkeit, was in Deutschland im Alter von 14 Jahren geschieht, verbieten kann, das Kopftuch zu tragen.

In der Zeit erhob Cigdem Toprak die Forderung: „Schützt die Kinder vor diesem Tuch!“ Das Kopftuch für Mädchen unter 14 Jahren zu verbieten sei legitim, so die Bloggerin. Ich bin alles als ein „kopftuchloser Kopftuchverteidiger“, wie Toprak nicht-kopftuchtragende Kritiker eines solchen Verbots betitelt. Ich muss zugeben, auch ich finde es einigermaßen abschreckend, wie manche muslimische Männer Frauen erklären, das Kopftuch zu tragen sei eine zwingende Vorschrift, wenn sie eine gute Muslima sein wollten. Wer ein abschreckendes Beispiel sehen will, der schaue sich Videos der Gruppe „Realität Islam“ an. Ich weiß von muslimischen Freundinnen in Flüchtlingsunterkünften, welchen Druck von muslimischen Männern und Frauen es geben kann, wenn sie kein Kopftuch tragen oder wenn sie sich nicht an die Vorschriften des Ramadan halten. Toprak hat zweifellos Recht, wenn sie hier von „sozialer Kontrolle“ spricht, oder zumindest von Versuchen sozialer Kontrolle, denn nicht alle Frauen beugen sich dieser Kontrolle. Ich teile gerne Videos von Frauen im Iran, die gegen den dort herrschenden Kopftuchzwang demonstrieren, indem sie in aller Öffentlichkeit das Kopftuch abnehmen, den Wind in ihren Haaren genießen oder fröhlich tanzen.

Und dennoch gehen die Argumente für ein Kopftuchverbot bei Mädchen unter 14 Jahren, wie sie etwa Toprak vorträgt, fehl. Es geht auch nicht um die Verteidigung des Kopftuchs – was der Koran dazu sagt, ist mir ehrlich gesagt herzlich egal – sondern um die Eingrenzung staatlicher Macht. Ein grundsätzliches Prinzip liberaler Gesellschaften ist, es scheint manchmal der Wiederholung zu bedürfen, dass der Staat sich aus Fragen der individuellen Lebensgestaltung weitestgehend raushält. Es hat den Staat nicht zu interessieren, mit wem man wie oft und wie Sex hat (solange dies im freiwillig und einvernehmlich geschieht, unter den entsprechenden Altersvorgaben), es hat den Staat nicht zu interessieren, ob ich auf der Straße küsse oder das für moralisch verwerflich halte, es hat den Staat nicht zu interessieren, wie viel Haut ich zeige, an welchen Gott ich glaube, oder ob ich Homosexualität für eine Todsünde halte, für die man in die Hölle kommt. Es geht den Staat auch nichts an, nach welchen Werten Eltern ihre Kinder erziehen, ob sie ihnen Bescheidenheit und Demut beibringen, oder ob sie ihre Kinder auf Leistung und Erfolg trimmen; ob sie ihren Kindern einen Glauben an Gott vermitteln, oder ob sie ihren Kindern beibringen, dass in der säkularen Gesellschaft Gott durch finanziellen Erfolg ersetzt wurde. All das geht den Staat nichts an, solange nicht das Wohl des Kindes gefährdet ist.

Genau dieses aber sieht Toprak gefährdet: Die „Freiheit und das Wohl des Kindes“ stehe, so Toprak, in einer „liberalen säkularen Gesellschaft über der Religionsfreiheit der Eltern“. Worin liegt also die Gefährdung des Kindeswohls, die ein staatliches Eingreifen in die Erziehungsrechte der Eltern rechtfertigen würde? Sie sieht das Wohl des Kindes darin gefährdet, so muss man aus ihren Ausführungen schlussfolgern, denn wirklich explizit führt sie dies nicht aus, dass ein Mädchen auf diese Weise einer sozialen Kontrolle ausgesetzt wird. Mit dem Anlegen des Kopftuchs gingen bestimmte Verhaltensregeln einher, die ein Mädchen nun zu erfüllen habe, und für deren Erfüllung es sich vor der „Community“ zu rechtfertigen habe. Darin liege eine Beschränkung der Freiheit des Mädchens. Mit einem Kopftuchverbot ginge es darum, Mädchen vor „überholten Regeln der Community, die selbst unter den Muslimen aus theologischer, pragmatischer und pädagogischer Sicht hinterfragt werden“, zu schützen. Es ist ja erfreulich, dass es eine solche Debatte unter den Muslimen gibt. Aber es ist eben nicht am Staat, diese Debatte zu entscheiden. Mit einem Verbot des Kopftuchs würde Mädchen das Gefühl gegeben, dass sie „nicht nur ihren Eltern und ihrer Community gehören, sondern auch Teil der Mehrheitsgesellschaft sind“, so behauptet Toprak.

Abgesehen davon, dass man sich ja durchaus fragen kann, warum nicht auch Mädchen mit Kopftuch dieses Gefühl gegeben werden sollte: es gibt ja so einiges, was Eltern erlauben oder verbieten können, um ihre Kinder zu Außenseitern zu machen. Eltern, die ihren Kindern kein Smartphone kaufen, oder kaufen können, machen sie wohl vielfach zu sozialen Außenseitern heutzutage. Man könnte durchaus mit einer gewissen Plausibilität argumentieren, dass sie ihren Kindern schaden, weil sie ihnen nicht erlauben die Fähigkeiten zu erlernen, die man in einem digitalen Zeitalter benötigt. Aber man kann eben auch argumentieren, dass sie ihre Kinder vor den schädlichen Auswirkungen des dauernden Medienkonsums schützen. Es bleibt den Eltern überlassen, das zu entscheiden.

Ja, das Kopftuch ist vermutlich ein Ausdruck sozialer Kontrolle. Es bringt bestimmte Haltungen zur Sexualität und zur Körperlichkeit zum Ausdruck, bestimmte Haltungen darüber, was ein moralisch und religiös richtiges Leben ist und was nicht. Ich teile diese Haltungen nicht; aber darüber zu entscheiden, ob diese Haltungen richtig oder falsch sind, obliegt mir ebenso wenig wie dem Staat. Genauso wenig obliegt es dem Staat dafür zu sorgen, dass es keine soziale Kontrolle gibt, solange damit nicht gegen (Straf-)Gesetze verstoßen wird. Auch soziale Kontrolle gibt es ja vielfach, von Eltern und von anderen Communities. Man muss nur mal einen Blick in Fitness-Studios und in die zahlreich vorhandene Literatur zur Kritik an Schönheitsnormen werfen, um einen Eindruck solcher sozialer Kontrolle zu bekommen. Es mag immer noch Orte geben, in denen man schief angesehen wird, wenn die Familie sonntags nicht zur Kirche geht; einen Grund zum staatlichen Eingreifen gibt dies nicht. Und natürlich gibt es peer pressure unter Jugendlichen, ohne dass der Staat eingreifen würde. Kurz und gut: selbst wenn das Kopftuch ein Akt der Unterwerfung unter eine soziale Kontrolle der Community ist, gibt es dem Staat nicht das Recht, hier in elterliche Erziehungsrechte einzugreifen.

Dies gilt umso mehr, da es elterliches Verhalten gibt, was Kinder ganz direkt körperlich gefährdet, ohne dass es staatlicherseits geahndet wird. Zwar betonen alle Mediziner immer wieder, wie gefährlich Rauchen während der Schwangerschaft oder im Beisein kleiner Kinder ist; mit staatlichen Sanktionen belegt ist dieses Verhalten dennoch nicht. Wenn man ins religiöse Feld schaut, dann könnte man gerne die Durchsetzung strenger Fastenregelns während des Ramadans für Minderjährige, zumal für schulpflichtige Kinder und Jugendliche, als Kindeswohlgefährdung und Vernachlässigung der Fürsorgepflicht werten, denn hier wird ganz direkt das gesundheitliche Wohl der Kinder gefährdet. Aber hierüber wird erstaunlicherweise weniger debattiert als über ein Stück Stoff auf dem Kopf von Frauen.

Was der Staat aber machen kann und machen sollte, und dies ist eine wesentliche Aufgabe der Schule, ist dafür zu sorgen, dass Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Normenvorstellungen konfrontiert werden und so in die Lage versetzt werden, selbst zu entscheiden. Ob sie dabei den elterlichen Vorgaben oder anderen folgen, wird sich immer zeigen. Deshalb sollten auch kopftuchtragende Lehrerinnen kein Grund zur Panik sein; junge Mädchen werden erwachsene Frauen mit und ohne Kopftuch kennenlernen, sie werden mit Diskussionen über die Bedeutung des Kopftuchs konfrontiert werden, sie werden die Kritik am Kopftuch kennenlernen, und irgendwann sind sie hoffentlich in der Lage, sich zu entscheiden. Zu behaupten, allein durch das Tragen eines Kopftuchs einer Lehrerin würde schon der Schulfrieden gefährdet, ist daher schlicht ein Schnellschuss. In der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht stellte der Richter, so berichtete der Tagesspiegel, den hypothetischen Fall vor, dass eine Lehrerin mit Kopftuch nach einem Gespräch mit der Mutter einer muslimischen Schülerin, die selbst kein Kopftuch trägt, nun die Tochter diskriminieren könnte; das wäre sicherlich ein Fall für eine Entlassung oder eine Versetzung. Allerdings wäre dies auch der Fall, würde eine Lehrerin ohne Kopftuch die Kinder einer Frau mit Kopftuch diskriminieren; oder eine vegetarische Lehrerin die Kinder von Fleischermeistern. Diskriminierung im Unterricht ist schlichtweg in allen Fällen inakzeptabel. Es wäre übrigens, dies am Rande bemerkt, durchaus eine interessante Aufgabe für alle Lehrerinnen und Lehrer, mit oder ohne Kopftuch, eine Diskussion unter Schülerinnen und Schülern zu genau diesem Thema zu leiten. So wenig der Staat vorschreiben darf, was die Menschen auf ihrem Kopf tragen, so sehr darf er sie in der Schule dazu zwingen, sich mit anderen Einstellungen auseinanderzusetzen.

Es bleibt die Frage, wie viel Freiheit ein Mädchen eigentlich hat, sich gegen den Kopftuch zu entscheiden, wenn es damit auf den Widerstand seiner Eltern stößt. Können wir noch sinnvoll von Freiheit sprechen, wenn die Eltern daher den Kontakt mit dem Mädchen abbrechen? Wenn sie dem Mädchen daher schwere moralische Vorwürfe machen? Eltern können das Verhalten ihrer Kinder aus allen möglichen Gründen missbilligen. Was wäre mit streng vegetarischen Eltern, die mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben wollen, weil diese auf den Geschmack von blutigen Steaks kamen? Gute Eltern wären das sicherlich nicht, und sie sollten durchaus dazu verpflichtet werden, den Unterhalt ihrer Kinder zu bezahlen, und im schlimmsten Fall möge das Jugendamt die Kinder aus der Familie nehmen. Aber dies sind Konflikte, die innerhalb der Familien zu regeln sind, ohne dass der Staat hier Vorschriften macht. Genauso verhält es sich beim Kopftuch. Es sind Konflikte, die innerhalb der Familien, innerhalb der Communities ausgetragen werden sollten. Der Staat kann, vor allem in der Schule, dazu beitragen, dass diese Konflikte sichtbar werden, dass sich die Menschen mit den Konflikten auseinandersetzen müssen. Aber er sollte sie nicht entscheiden.

Daher hat Toprak auch Recht, wenn sie schreibt: „Wer für eine tolerante und multikulturelle Gesellschaft einsteht, darf sich nicht davor scheuen, Kritik an dogmatischen und absoluten Ideen im islamischen Kontext auszuüben.“ Das kann sich durchaus auf scharfe und polemische Kritiken am Kopftuch erstrecken. Von mir aus kann man gerne eine Demonstration für radikal befreite Sexualität und die Darstellung von Sexualität vor einer Moschee durchführen. Aber das sind Konflikte innerhalb der Gesellschaft, in die der Staat nicht eingreifen sollte. Wie die Menschen ihr Leben gestalten, wie sie zur Sexualität stehen, geht den Staat nichts an. Ein liberaler Staat muss hier Zurückhaltung üben, selbst dann, wenn die Wertvorstellungen der Eltern denen einer liberalen Gesellschaft widersprechen. Es geht nicht ums Kopftuch, sondern um ein Verständnis der Reichweite staatlicher Gewalt. Es geht darum, hier konsequent zu sein, auch wenn es vielleicht vom Inhalt her schmerzt.

Was bleibt: Gedanken nach zweieinhalb Jahren „Flüchtlingshilfe“

Vor etwa zweieinhalb Jahren, im Oktober 2015, auf dem Höhepunkt des Chaos vor dem Berliner LAGeSO, veröffentlichte ich einen Kommentar auf dem Blog Publikative über „Optimismus und Demut“ angesichts der „Flüchtlingskrise“. (Der Blog wurde mittlerweile eingestellt, aber ich habe den Text hier dokumentiert.) Die Situation auf und vor dem Gelände des LAGeSo hatte mich bewegt. Aber es waren nicht Sorgen und Ängste, die mich umtrieben. Vielmehr war ich voller Optimismus nicht nur angesichts der Hilfsbereitschaft der Berlinerinnen und Berliner, sondern ebenso, weil von Anfang an auch viele Geflüchtete gemeinsam halfen. Gerade diese Momente ließen in mir auch ein Gefühl tiefer Demut aufkommen. Es waren Eindrücke nach wenigen aber intensiven Wochen am LAGeSo. Trotz des Chaos, trotz der teilweise schrecklichen Szenen, die sich manchmal nachts in der Turmstraße in Moabit abspielten, ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges, etwas Gutes zu tun, und dabei auch dazu beizutragen, dass sich dieses Land zum besseren verändert. Es war ein manchmal auch euphorisches Gefühl, und es wäre gelogen würde ich behaupten, dass sich dieser Aktivismus nicht auch gut anfühlen würde. Was bleibt davon, zweieinhalb Jahre später?

Ich muss zugeben, der Optimismus hat Brüche bekommen. Frustrationen, Enttäuschungen, Sorgen, Ängste, Traurigkeit haben sich darunter gemischt. Das hat vielfältige Gründe. Es sind nicht nur persönliche Stimmungslagen, um die es geht. Sie haben politische Gründe, und sie haben wiederum nicht nur persönliche Konsequenzen. Ich war, hoffe ich, nie so naiv, dass ich alle geflüchteten Menschen für eine Bereicherung unseres Landes oder einfach nur für wunderbare Menschen gehalten habe; und ich glaube auch kaum, dass irgendjemand, der mit geflüchteten Menschen und nicht nur mit dem Diskurs über sie zu tun hat, das jemals meinte. Schmerzhaft ist es dennoch zu merken, wenn einem immer wieder Halbwahrheiten und richtige Lügen aufgetischt werden, was auch immer die Gründe dafür sein mögen. Das hat auch wenig damit zu tun, dass Menschen geflüchtet sind – es ist in einer persönlichen Beziehung, in der man meint, Vertrauen aufgebaut zu haben, einfach enttäuschend, wenn dieses gebrochen wird. Aber vielleicht hat es doch etwas mit der Fluchtsituation zu tun: denn die Fluchtsituation ist per se instabil, und in einer solchen Situation Vertrauen zu schaffen ist nochmals schwieriger. Vielleicht war das Vertrauen nur eine Illusion, was die Enttäuschung nicht geringer werden lässt. Gleichwohl, solche Vertrauensbrüche gab es nur selten.

Anderes beunruhigt mich mehr. Ich muss zugeben, die Morde in Freiburg, in Kandel, in Mainz gehen auch an mir nicht spurlos vorüber. Aber, so schrecklich sie sind, es sind, zum Glück, immer noch Einzelfälle, wenn wir sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der Geflüchteten betrachten, genauso wie übrigens Morde an Geflüchteten, wie jener auf Amrum, auch Einzelfälle sind. Anlass zur Sorge gibt allerdings das Verhalten der Polizei, das man einem Bericht der FAZ entnehmen konnte: auf Berichte, der mutmaßliche Täter habe in der Unterkunft ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt, wurde mit dem Verweis, es gebe ja mehrere Alis in der Unterkunft, nicht reagiert. Es sind andere Geflüchtete, die unter diesem Kriminellen litten, und, so die FAZ, auch sonst unter der Familie, aber dies scheint kaum jemanden interessiert zu haben.

Beunruhigend finde ich daher auch die weniger dramatischen, aber vermutlich häufigeren und alltäglichen Vorfälle, die ich manchmal selbst mitbekomme, oder von denen mir andere berichten. Wenn mich ein afghanischer Mann via Facebook beleidigt und mir erklärt, seine (afghanische) Freundin dürfe nicht mit anderen Männern reden, sie seien schließlich Afghanen und würden das niemals vergessen; wenn mir eine Freundin von einem afghanischen Mann berichtet, der seiner Frau sagt, sie solle in der Straße so viel wie möglich auf den Boden schauen; wenn mir eine afghanische Freundin von Anfeindungen anderer Frauen berichtet, die ihr vorwerfen, sie verhalte sich nicht wie eine gute Afghanin, dann macht mir all das Angst. Zu häufig sind solche Berichte um diese nur als Einzelfälle zu sehen, auch wenn ihnen auf der anderen Seite ebenso viele Berichte und persönliche Erfahrungen aufgeschlossener und emanzipatorischer Männer und Frauen gegenüberstehen.

Ich habe sicherlich kein Patentrezept, wie mit solchen Männern (und Frauen), die anderen rigide Vorschriften machen wollen und viel zu oft auch Gewalt gegen Frauen für legitim halten, umgegangen werden sollte. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass deutsche „Helferinnen und Helfer“ (aus Mangel an einem besseren Begriff gerade) so etwas unter dem Deckmantel zu akzeptierender kultureller Diversität einfach hinnehmen würden. Es gibt ja auch immer wieder Projekte und Workshops, vor allem für Frauen; es bräuchte vermutlich mehr Männerarbeit, wie sie Kazim Erdogan in Kreuzberg geleistet hat. Und vielleicht braucht es manchmal auch klare Ansagen und Sanktionen. Eine afghanische Freundin jedenfalls schilderte mir, dass die Androhung von Leistungskürzungen seitens des Jobcenters dazu führte, dass Frauen ohne Männer in Sprachkurse gingen. Ich weiß auch nicht, wie man mit so etwas umgehen sollte, und als eine afghanische Freundin auf Druck ihres Freundes den Kontakt mit mir abbrach, blieb ich nur hilflos und enttäuscht zurück. Es war ja ihr Problem und ihr Leben, und sie musste ihre Probleme selbst lösen, wie sie mit Nachdruck sagte. Recht hatte sie. Jedenfalls, ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir all das nicht auch manchmal Angst macht, und ich habe den Eindruck, dass es so einigen geht, die sich aktiv mit und für Geflüchtete einsetzen.

Einfach ist die vielbeschworene Integration jedenfalls nicht immer, und es klappt auch nicht immer. Aber das nimmt weder den Mut noch den Optimismus. Der Kontext, in dem sich das alles abspielt, hat sich gewandelt. Konnte man 2015 noch mit einem gewissen Enthusiasmus dazu beizutragen, dass diese Gesellschaft, ja, besser wird, dass sie offener wird, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Biographien und Meinungen gut zusammen leben und nicht nebeneinander her leben, so geht genau dieser Eindruck im Moment verloren. Und das lähmt, zumindest mich, denn es nagt an dem grundsätzlichen Optimismus. Es geht ja, wie mittlerweile vielfach bemerkt wird, beim Streit um Zurückweisungen an der Grenze und europäische Lösungen, um viel mehr als um Sachfragen; es geht um eine retrospektive Deutung von 2015. Damit geht es aber nicht nur um Merkels politische Erbschaft oder die Vergangenheit, es geht auch um die Zukunft, denn, da spricht ausnahmsweise mal der Historiker in mir, wie wir die Vergangenheit deuten, formt gleichsam unseren Blick auf Gegenwart und Zukunft – und umgekehrt. Es geht darum, ob die „Willkommenskultur“, ob damit die Vision einer diffus besseren Gesellschaft, an der mitzuwirken man 2015 eben irgendwie meinen konnte, Bestand hat; oder ob das alles ein naiver Fehler war, ob man Teil einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ wird, die am Untergang Deutschlands mitwirkt.

Hier bricht sich der Optimismus. Was fehlt ist eine Deutung von 2015, die nicht nur sagt, „Wir schaffen das“ (was ja auch nie von Merkel argumentativ unterfüttert wurde), sondern die, bei allen Schwierigkeiten, darauf hinweist, dass sich in und durch die „Flüchtlingskrise“ die Gesellschaft wandelt, und zwar zum Besseren. Das ist ja der Kern der Botschaft der CSU (und mit ihr von mehr oder weniger großen Teilen der anderen Parteien): Wir wollen nicht, dass sich Deutschland ändert, weil es sich durch die Flüchtlingskrise zum Schlechteren ändert, weil Deutschland überfordert ist, weil Kriminalität zunimmt, weil hier mehr Muslime sind, die eigentlich gar nicht zu Deutschland gehören, weil hier mehr Frauen mit Kopftuch rumlaufen, weil es den Sozialstaat Milliarden kostet, weil Konflikte innerhalb der Gesellschaft zunehmen – und so weiter. Aus dieser Perspektive ist die Flüchtlingskrise eine Bedrohung, und die eigentliche Frage ist nur noch, ob und wie „wir“ es schaffen, diese Bedrohung zu meistern, ob mit Härte und Abweisungen oder mit Integration und Humanität, und in welcher Kombination. Eine politische Interpretation der Flüchtlingskrise, die in dieser eine Chance und eben nicht in erster Linie eine schwierige Herausforderung sieht, fehlt. (Im inneren Ohr höre ich sofort den Aufschrei: sie wollen Deutschland islamisieren, sie wollen die Umvolkung dieses Landes!) Und es ginge um eine politische Interpretation: nicht darum, dass nun dringend benötigte Arbeitskräfte kommen, es ein zweites Jobwunder gibt; in der Tat, hierfür wären Arbeitsvisa besser.

In der ZEIT forderte ein Autor eine linke Erzählung gegen rechtes Denken. Es bräuchte eine demokratische Erzählung, in der Geflüchtete als politische Subjekte eine Rolle spielen. Nach Deutschland kamen ja Menschen, die sich in Syrien für eine Demokratie eingesetzt haben; nach Deutschland kamen Menschen, aus meiner Erfahrung gerade Frauen aus Afghanistan, die hier nach Freiheit suchen. Als Demokraten haben diese Menschen nicht so sehr unsere Hilfsbereitschaft verdient (Hilfe bekommen ja arme Schlucker, die nichts haben), sondern unsere politische Solidarität. Denn Menschen, die mit aller Überzeugung für eine demokratische Revolution stritten; Menschen, die mit aller Kraft ihre Freiheit verteidigen, werden auch dieses Land demokratischer, freier machen können. Das wäre der Kern einer optimistischen, politischen Perspektive auf die Flüchtlingskrise. Es geht nicht allein um humanitäre Hilfe in Not geratener Menschen, es geht vielmehr um Demokratie, hier in Deutschland. Als Demokraten sollten wir andere Menschen, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzen, willkommen heißen, um mit ihnen unsere Demokratie zu stärken. Damit eine Demokratie funktionieren kann, braucht es Vertrauen, braucht es Gesprächsräume zwischen sich „wildfremden“ Menschen. Genauso diese stellte die „Willkommenskultur“ her, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, dass ich, als atheistischer westlicher Mann, mit einer streng muslimischen Frau aus Afghanistan über Fragen der Toleranz, über den Umgang der Geschlechter miteinander sprach und auch stritt, und wir bei allen Differenzen dennoch Freunde blieben. Auch dies gab Anlass zu politischer Hoffnung. Heute fehlt eine solche grundsätzlich optimistische Deutung von 2015. Und es wäre keine einfach naive Deutung, kein naiver Glaube daran, dass alle Geflüchteten diese Gesellschaft wunderbar demokratisch bereichern werden. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mit Geflüchteten zu tun hat, eine solche Illusion hat. Eine in diesem Sinne demokratische Deutung von 2015, eine Deutung, die auch ein Selbstverständnis für die Zukunft formt, könnte einen Rahmen bieten, wie man mit jenen umgeht, die eben nichts von Freiheit und Demokratie halten, ganz gleich ob sie Geflüchtete sind oder sie Deutsche sind, die bedauern, dass die NSDAP nicht mehr zur Wahl steht (von solchen berichtete die ZEIT kürzlich).

Was bleibt also vom Optimismus und von der Demut, die ich 2015 empfand? Trotz all der Verwerfungen und Fragezeichen bleibt eine ganze Menge: die hoffnungsvolle Erfahrung, dass Vertrauen und ja, auch Freundschaft zwischen Fremden funktionieren kann; es bleibt die Demut gegenüber jenen, die mit solcher Kraft und solchem Mut für Demokratie und Freiheit streiten, die darauf beharren, dass sie selbst Entscheidungen über ihr Leben treffen wollen. Zumindest mir ging es bei meinem Engagement in der Flüchtlingskrise schnell nicht mehr nur darum, Menschen in Not zu helfen. Es ging mir darum, für eine freiere, demokratischere Gesellschaft einzutreten, mit allem Pathos. Noch ist es nicht Zeit, das aufzugeben.

Demut und Optimismus: Kommentar zur Flüchtlingskrise

(Dieser Text wurde Anfang Oktober 2015 auf dem Blog Publikative veröffentlicht. Da der Blog eingestellt ist und der Text nicht mehr verfügbar ist, stelle ich ihn hier erneut ein. Es gab seitdem schöne und weniger schöne Momente, die meinen Optimismus auch immer wieder infrage stellten; aber das Grundgefühl blieb.)

 

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen. Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Es wird an den Kommentaren in der FAZ deutlich. Patrick Bahners Kritik am Affekt gegen den Affekt war jedenfalls ein Einzelstück. Mittlerweile, so heißt es, sei das Band am Reißen, alle seien am Ende ihrer Kräfte, Einsatzkräfte wie auch freiwillig Helferinnen und Helfer (von den Flüchtlingen und deren Kräften ist da ja eher selten die Rede).

In all diesen Debatten fehlt merkwürdigerweise oft die Stimme jener, die oft tagtäglich viele Stunden lang als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dort aushelfen, wo der Staat versagt, wie zum Beispiel vor dem berüchtigten Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin. Auch ich stand dort drei Wochen lang jede Nacht und half dabei, Flüchtlinge mit Decken, Wasser und Tee zu versorgen, habe versucht, Flüchtlingen, die oft spät nachts mit Weiterleitungen aus Bayern in Berlin ankamen, noch einen privaten Schlafplatz zu vermitteln, da offizielle Notunterkünfte voll waren und sonst Kleinkinder auf der Straße hätten übernachten müssen. Es sind Eindrücke aus dieser Tätigkeit, die mich dazu bewegen, ein paar Bemerkungen zur Debatte über Flüchtlinge, den Erwartungen, die an sie gestellt werden, und den Veränderungen, die Deutschland bevorstehen, machen zu wollen. Die Arbeit dort war und ist anstrengend und fordernd, physisch und emotional. Aber ich habe selten den Eindruck, dass all die Helferinnen und Helfer am Ende ihrer Kräfte sind; wenn, dann sind sie am Ende ihrer Nerven ob der Unfähigkeit der Berliner Behörden. Aus dieser Perspektive eines Helfers möchte ich ein paar Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion machen.

Ich will mit einer Beobachtung, mit einer kleinen Geschichte beginnen, die sich beim Helfen vor dem LaGeSo zugetragen hat. Es geht um eine Frau, vielleicht um die vierzig Jahre alt, die aus Libyen vor dem dortigen Terror geflohen war. Eine freundliche, lachende und lächelnde Frau. Jedenfalls kam sie zu uns, um mitzuhelfen. Sie half den ganzen Tag, sortierte Spenden. Am nächsten Tag kam sie wieder, wollte wieder helfen, und erklärte in gebrochenem Englisch, ihr „Baby“ wolle auch mithelfen. Nach einiger Verwirrung stellte sich heraus, dass sie von ihrem etwa 17jährigen Sohn redete, der neben ihr stand, der kein Wort Englisch sprach, und der nun von der Mutter angewiesen Sachen herumtrug und half. Sie waren beide noch keine zehn Tage in Deutschland und halfen. Am Abend kam sie dann zu uns (wir waren an dem Tag mit anderen Aufgaben beschäftigt), und erzählte von sich und ihrer Familie. Zunächst verstanden wir es kaum, aber zum Glück war ein Übersetzer in der Nähe: Ihr Mann, so berichtete die Frau, war von ISIS enthauptet worden. Mehr muss eigentlich nicht erzählt werden. Wie ihre Aussage wirkte, lässt sich nur schwer im Text wiedergeben. Von einem Augenblick auf den anderen herrschte Stille, inmitten eines allgemeinen Trubels, eine Stille, die nur kurz herrschen konnte. Zumindest ich musste mich schnell wieder einem anderen Gespräch zuwenden, sonst wären mir wohl die Tränen gekommen. Ich glaube, die meisten freiwilligen Helfer haben solche Momente erlebt.

Es soll hier nicht um Seelenstriptease gehen, aber es lohnt sich, bei den emotionalen Reaktionen zu bleiben. Die Tränen kamen später, im Moment der Ruhe. Aber warum? Sicherlich, es war eine grauenvolle Geschichte. Aber grauenvolle Geschichten gibt es zuhauf, man hört sie, man liest sie, man sieht schreckliche Bilder. Es war etwas anderes, was berührte und beeindruckte: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Frau, trotz all dem, was sie durchgemacht hatte. Es brauchte eine Zeit, bis sich ein Wort für dieses Gefühl fand, und es ist ein Wort, das mir sonst selten in den Sinn kommt: Demut. Übrigens ein zutiefst christliches Gefühl, wenn ich mich nicht irre.

Es war keinesfalls der einzige Moment, in dem ich solches erlebte, aber vielleicht der eindrücklichste. Ein Gefühl von Demut stellte sich auch ein, als wir im Gebäude des LaGeSos, wo Menschen stundenlang warten müssen, Babynahrung verteilten, aber kein Wasser hatten, um das uns eine junge syrische Mutter bat, woraufhin ein Mann aus Schwarzafrika aus der Reihe gegenüber der Frau sein Tetrapack Wasser gab; es stellte sich auch ein, als ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der neben Farsi, Dari und Urdu auch exzellentes Englisch spricht, am Tag nach seiner nächtlichen Ankunft sofort bereit stand, um uns als Übersetzer zu helfen; es stellte sich auch ein als ich sah, wie sehr die allabendliche Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse, die sie in Notunterkünfte bringen, von einem geflüchteten Syrer abhing, der gerade mal drei Monate in Deutschland ist und nun mit Megaphon der Polizei versuchte, ein wenig Ordnung in das unglaubliche Chaos zu bringen. Allerorten sah ich Flüchtlinge, die kaum in Deutschland angekommen Aufgaben und Verantwortung übernahmen.

Warum ist das alles wichtig? Weil es auf etwas verweist, was in all den Reden zur Flüchtlingskrise fehlt. Oft liest man, in kritischer Absicht, Deutschland habe ein großes Herz, aber es brauche auch politische Ratio. Gemeint ist, dass Deutschland die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen müsse, dass es mit kühlem Kopf handeln müsse, und nicht blind dem guten Gefühl des Helfens folgen könne. Aber diese Gegenüberstellung von Herz und Ratio funktioniert nicht. Sie blendet aus, welche Wirkungen, welche positiven Wirkungen das offene „Herz“ haben kann, jenseits vom ökonomischen Nutzen, den Flüchtlinge vielleicht einmal bringen werden. Es geht um weniger greifbare Werte. Wird zur Zeit von Werten gesprochen, dann werden damit gerne „westliche“ Werte gemeint, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Glauben, Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Schwulen, Lesben und Heterosexuellen, demokratische Werte – man kann das bei Winkler nachlesen, oder neuerdings in den Benimmregeln eines Dorfes im Odenwald. Diese Werte, so heißt es, müssten Flüchtlinge, die doch aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, ganz schnell erlernen, sie müssten ihre patriarchalischen Einstellungen dringend hinter sich lassen. Die Deutschen, andererseits, werden im Moment gerne (und auch zurecht) für ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gepriesen. Auch mich beeindruckt diese. Aber noch viel mehr beeindruckt mich, wie hilfsbereit Flüchtlinge sind. Ich kann abends in ein warmes Bett, ich kann in ein teures Restaurant, wenn ich keine Zeit zum Kochen habe. Flüchtlinge können das nicht. Ich weiß nicht, ob man Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auch zu westlichen Werten zählt; aber es gehört zur politischen Ratio, diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zu erkennen und zu benennen.

Um nicht missverstanden zu werden, ich möchte hier kein Bild stets wunderbar hilfsbereiter Flüchtlinge zeichnen. Es gibt auch viele negative Erfahrungen, viel Wut und Frust, an allererster Stelle mit Berliner Behörden, deren Handeln in keiner Weise dazu geeignet ist, Vertrauen in staatliches Handeln zu stiften (denn dazu braucht es Transparenz und Verlässlichkeit, und die gibt es nicht), mit Helfern, denen es eher darum geht, den Kleiderschrank leerzuräumen oder etwas fürs eigene Gefühl zu tun, ohne nachzudenken, und auch mit Flüchtlingen, die aggressiv werden, die uns Helferinnen und Helfer als Juden beschimpfen, die rücksichtslos Kinder bei der Essensausgabe überrennen. So zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht, wäre schlichtweg absurd; und es wird ja auch immer wieder über diese Probleme geschrieben. Aber es ist eine kleine Minderheit, mit der es Schwierigkeiten gibt, und es ist kaum verwunderlich, dass nicht immer alles harmonisch abläuft in Anbetracht der Zahlen und der Lage, in der Flüchtlinge leben müssen.

Patrick Bahners stellte sich kürzlich die Frage, wie wohl ein Gedicht beginnen müsste, das ein Flüchtlingskind einem Polizisten schenken könnte. „Ich habe Menschen getroffen“, antwortet er. Wir sollten diese imaginierte Situation auch umdrehen: wie würde das Gedicht aussehen, das der Polizist dem Flüchtlingskind schenken könnte? Oder das die zahlreichen Helferinnen und Helfer den Flüchtlingen schenken könnten? Genauso. „Ich habe Menschen getroffen.“ Das gilt im Schlechten, aber es gilt noch viel mehr im Guten. Ich habe noch nie so viele gute Menschen getroffen, helfende Deutsche, und noch viel mehr Flüchtlinge. Dafür bin ich dankbar; dafür sollten wir dankbar sein. Ich möchte keine Dankesworte für Helferinnen und Helfer (und damit auch für mich) mehr aus dem Munde von Politikern hören. Ein Wort des Dankes an Flüchtlinge wäre angebracht, in aller Demut. Deutschland wird sich ändern, lese ich in letzter Zeit oft. Selbst bei eigentlich wohlwollenden Menschen, die sich niemals den Parolen von Pegida anschließen würden, hörte ich Sorgen ob der Herausforderungen, die auf Deutschland zukommen. Ich war merkwürdig optimistisch; ich bin es, noch. Ich hoffe, ich glaube, es werden Menschen wie jene libysche Frau, wie jener junge Mann aus Afghanistan, wie der unermüdliche Übersetzer aus Syrien sein, die Deutschland zu einem besseren Land, zu einem freundlicheren Land machen. Es wäre eigentlich ein Grund zur Freude.