Was bleibt: Gedanken nach zweieinhalb Jahren „Flüchtlingshilfe“

Vor etwa zweieinhalb Jahren, im Oktober 2015, auf dem Höhepunkt des Chaos vor dem Berliner LAGeSO, veröffentlichte ich einen Kommentar auf dem Blog Publikative über „Optimismus und Demut“ angesichts der „Flüchtlingskrise“. (Der Blog wurde mittlerweile eingestellt, aber ich habe den Text hier dokumentiert.) Die Situation auf und vor dem Gelände des LAGeSo hatte mich bewegt. Aber es waren nicht Sorgen und Ängste, die mich umtrieben. Vielmehr war ich voller Optimismus nicht nur angesichts der Hilfsbereitschaft der Berlinerinnen und Berliner, sondern ebenso, weil von Anfang an auch viele Geflüchtete gemeinsam halfen. Gerade diese Momente ließen in mir auch ein Gefühl tiefer Demut aufkommen. Es waren Eindrücke nach wenigen aber intensiven Wochen am LAGeSo. Trotz des Chaos, trotz der teilweise schrecklichen Szenen, die sich manchmal nachts in der Turmstraße in Moabit abspielten, ich hatte das Gefühl, etwas Wichtiges, etwas Gutes zu tun, und dabei auch dazu beizutragen, dass sich dieses Land zum besseren verändert. Es war ein manchmal auch euphorisches Gefühl, und es wäre gelogen würde ich behaupten, dass sich dieser Aktivismus nicht auch gut anfühlen würde. Was bleibt davon, zweieinhalb Jahre später?

Ich muss zugeben, der Optimismus hat Brüche bekommen. Frustrationen, Enttäuschungen, Sorgen, Ängste, Traurigkeit haben sich darunter gemischt. Das hat vielfältige Gründe. Es sind nicht nur persönliche Stimmungslagen, um die es geht. Sie haben politische Gründe, und sie haben wiederum nicht nur persönliche Konsequenzen. Ich war, hoffe ich, nie so naiv, dass ich alle geflüchteten Menschen für eine Bereicherung unseres Landes oder einfach nur für wunderbare Menschen gehalten habe; und ich glaube auch kaum, dass irgendjemand, der mit geflüchteten Menschen und nicht nur mit dem Diskurs über sie zu tun hat, das jemals meinte. Schmerzhaft ist es dennoch zu merken, wenn einem immer wieder Halbwahrheiten und richtige Lügen aufgetischt werden, was auch immer die Gründe dafür sein mögen. Das hat auch wenig damit zu tun, dass Menschen geflüchtet sind – es ist in einer persönlichen Beziehung, in der man meint, Vertrauen aufgebaut zu haben, einfach enttäuschend, wenn dieses gebrochen wird. Aber vielleicht hat es doch etwas mit der Fluchtsituation zu tun: denn die Fluchtsituation ist per se instabil, und in einer solchen Situation Vertrauen zu schaffen ist nochmals schwieriger. Vielleicht war das Vertrauen nur eine Illusion, was die Enttäuschung nicht geringer werden lässt. Gleichwohl, solche Vertrauensbrüche gab es nur selten.

Anderes beunruhigt mich mehr. Ich muss zugeben, die Morde in Freiburg, in Kandel, in Mainz gehen auch an mir nicht spurlos vorüber. Aber, so schrecklich sie sind, es sind, zum Glück, immer noch Einzelfälle, wenn wir sie im Verhältnis zur Gesamtzahl der Geflüchteten betrachten, genauso wie übrigens Morde an Geflüchteten, wie jener auf Amrum, auch Einzelfälle sind. Anlass zur Sorge gibt allerdings das Verhalten der Polizei, das man einem Bericht der FAZ entnehmen konnte: auf Berichte, der mutmaßliche Täter habe in der Unterkunft ein elfjähriges Mädchen vergewaltigt, wurde mit dem Verweis, es gebe ja mehrere Alis in der Unterkunft, nicht reagiert. Es sind andere Geflüchtete, die unter diesem Kriminellen litten, und, so die FAZ, auch sonst unter der Familie, aber dies scheint kaum jemanden interessiert zu haben.

Beunruhigend finde ich daher auch die weniger dramatischen, aber vermutlich häufigeren und alltäglichen Vorfälle, die ich manchmal selbst mitbekomme, oder von denen mir andere berichten. Wenn mich ein afghanischer Mann via Facebook beleidigt und mir erklärt, seine (afghanische) Freundin dürfe nicht mit anderen Männern reden, sie seien schließlich Afghanen und würden das niemals vergessen; wenn mir eine Freundin von einem afghanischen Mann berichtet, der seiner Frau sagt, sie solle in der Straße so viel wie möglich auf den Boden schauen; wenn mir eine afghanische Freundin von Anfeindungen anderer Frauen berichtet, die ihr vorwerfen, sie verhalte sich nicht wie eine gute Afghanin, dann macht mir all das Angst. Zu häufig sind solche Berichte um diese nur als Einzelfälle zu sehen, auch wenn ihnen auf der anderen Seite ebenso viele Berichte und persönliche Erfahrungen aufgeschlossener und emanzipatorischer Männer und Frauen gegenüberstehen.

Ich habe sicherlich kein Patentrezept, wie mit solchen Männern (und Frauen), die anderen rigide Vorschriften machen wollen und viel zu oft auch Gewalt gegen Frauen für legitim halten, umgegangen werden sollte. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass deutsche „Helferinnen und Helfer“ (aus Mangel an einem besseren Begriff gerade) so etwas unter dem Deckmantel zu akzeptierender kultureller Diversität einfach hinnehmen würden. Es gibt ja auch immer wieder Projekte und Workshops, vor allem für Frauen; es bräuchte vermutlich mehr Männerarbeit, wie sie Kazim Erdogan in Kreuzberg geleistet hat. Und vielleicht braucht es manchmal auch klare Ansagen und Sanktionen. Eine afghanische Freundin jedenfalls schilderte mir, dass die Androhung von Leistungskürzungen seitens des Jobcenters dazu führte, dass Frauen ohne Männer in Sprachkurse gingen. Ich weiß auch nicht, wie man mit so etwas umgehen sollte, und als eine afghanische Freundin auf Druck ihres Freundes den Kontakt mit mir abbrach, blieb ich nur hilflos und enttäuscht zurück. Es war ja ihr Problem und ihr Leben, und sie musste ihre Probleme selbst lösen, wie sie mit Nachdruck sagte. Recht hatte sie. Jedenfalls, ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir all das nicht auch manchmal Angst macht, und ich habe den Eindruck, dass es so einigen geht, die sich aktiv mit und für Geflüchtete einsetzen.

Einfach ist die vielbeschworene Integration jedenfalls nicht immer, und es klappt auch nicht immer. Aber das nimmt weder den Mut noch den Optimismus. Der Kontext, in dem sich das alles abspielt, hat sich gewandelt. Konnte man 2015 noch mit einem gewissen Enthusiasmus dazu beizutragen, dass diese Gesellschaft, ja, besser wird, dass sie offener wird, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen, Biographien und Meinungen gut zusammen leben und nicht nebeneinander her leben, so geht genau dieser Eindruck im Moment verloren. Und das lähmt, zumindest mich, denn es nagt an dem grundsätzlichen Optimismus. Es geht ja, wie mittlerweile vielfach bemerkt wird, beim Streit um Zurückweisungen an der Grenze und europäische Lösungen, um viel mehr als um Sachfragen; es geht um eine retrospektive Deutung von 2015. Damit geht es aber nicht nur um Merkels politische Erbschaft oder die Vergangenheit, es geht auch um die Zukunft, denn, da spricht ausnahmsweise mal der Historiker in mir, wie wir die Vergangenheit deuten, formt gleichsam unseren Blick auf Gegenwart und Zukunft – und umgekehrt. Es geht darum, ob die „Willkommenskultur“, ob damit die Vision einer diffus besseren Gesellschaft, an der mitzuwirken man 2015 eben irgendwie meinen konnte, Bestand hat; oder ob das alles ein naiver Fehler war, ob man Teil einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ wird, die am Untergang Deutschlands mitwirkt.

Hier bricht sich der Optimismus. Was fehlt ist eine Deutung von 2015, die nicht nur sagt, „Wir schaffen das“ (was ja auch nie von Merkel argumentativ unterfüttert wurde), sondern die, bei allen Schwierigkeiten, darauf hinweist, dass sich in und durch die „Flüchtlingskrise“ die Gesellschaft wandelt, und zwar zum Besseren. Das ist ja der Kern der Botschaft der CSU (und mit ihr von mehr oder weniger großen Teilen der anderen Parteien): Wir wollen nicht, dass sich Deutschland ändert, weil es sich durch die Flüchtlingskrise zum Schlechteren ändert, weil Deutschland überfordert ist, weil Kriminalität zunimmt, weil hier mehr Muslime sind, die eigentlich gar nicht zu Deutschland gehören, weil hier mehr Frauen mit Kopftuch rumlaufen, weil es den Sozialstaat Milliarden kostet, weil Konflikte innerhalb der Gesellschaft zunehmen – und so weiter. Aus dieser Perspektive ist die Flüchtlingskrise eine Bedrohung, und die eigentliche Frage ist nur noch, ob und wie „wir“ es schaffen, diese Bedrohung zu meistern, ob mit Härte und Abweisungen oder mit Integration und Humanität, und in welcher Kombination. Eine politische Interpretation der Flüchtlingskrise, die in dieser eine Chance und eben nicht in erster Linie eine schwierige Herausforderung sieht, fehlt. (Im inneren Ohr höre ich sofort den Aufschrei: sie wollen Deutschland islamisieren, sie wollen die Umvolkung dieses Landes!) Und es ginge um eine politische Interpretation: nicht darum, dass nun dringend benötigte Arbeitskräfte kommen, es ein zweites Jobwunder gibt; in der Tat, hierfür wären Arbeitsvisa besser.

In der ZEIT forderte ein Autor eine linke Erzählung gegen rechtes Denken. Es bräuchte eine demokratische Erzählung, in der Geflüchtete als politische Subjekte eine Rolle spielen. Nach Deutschland kamen ja Menschen, die sich in Syrien für eine Demokratie eingesetzt haben; nach Deutschland kamen Menschen, aus meiner Erfahrung gerade Frauen aus Afghanistan, die hier nach Freiheit suchen. Als Demokraten haben diese Menschen nicht so sehr unsere Hilfsbereitschaft verdient (Hilfe bekommen ja arme Schlucker, die nichts haben), sondern unsere politische Solidarität. Denn Menschen, die mit aller Überzeugung für eine demokratische Revolution stritten; Menschen, die mit aller Kraft ihre Freiheit verteidigen, werden auch dieses Land demokratischer, freier machen können. Das wäre der Kern einer optimistischen, politischen Perspektive auf die Flüchtlingskrise. Es geht nicht allein um humanitäre Hilfe in Not geratener Menschen, es geht vielmehr um Demokratie, hier in Deutschland. Als Demokraten sollten wir andere Menschen, die sich für Demokratie und Freiheit einsetzen, willkommen heißen, um mit ihnen unsere Demokratie zu stärken. Damit eine Demokratie funktionieren kann, braucht es Vertrauen, braucht es Gesprächsräume zwischen sich „wildfremden“ Menschen. Genauso diese stellte die „Willkommenskultur“ her, mal mehr, mal weniger erfolgreich. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, dass ich, als atheistischer westlicher Mann, mit einer streng muslimischen Frau aus Afghanistan über Fragen der Toleranz, über den Umgang der Geschlechter miteinander sprach und auch stritt, und wir bei allen Differenzen dennoch Freunde blieben. Auch dies gab Anlass zu politischer Hoffnung. Heute fehlt eine solche grundsätzlich optimistische Deutung von 2015. Und es wäre keine einfach naive Deutung, kein naiver Glaube daran, dass alle Geflüchteten diese Gesellschaft wunderbar demokratisch bereichern werden. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass irgendjemand, der mit Geflüchteten zu tun hat, eine solche Illusion hat. Eine in diesem Sinne demokratische Deutung von 2015, eine Deutung, die auch ein Selbstverständnis für die Zukunft formt, könnte einen Rahmen bieten, wie man mit jenen umgeht, die eben nichts von Freiheit und Demokratie halten, ganz gleich ob sie Geflüchtete sind oder sie Deutsche sind, die bedauern, dass die NSDAP nicht mehr zur Wahl steht (von solchen berichtete die ZEIT kürzlich).

Was bleibt also vom Optimismus und von der Demut, die ich 2015 empfand? Trotz all der Verwerfungen und Fragezeichen bleibt eine ganze Menge: die hoffnungsvolle Erfahrung, dass Vertrauen und ja, auch Freundschaft zwischen Fremden funktionieren kann; es bleibt die Demut gegenüber jenen, die mit solcher Kraft und solchem Mut für Demokratie und Freiheit streiten, die darauf beharren, dass sie selbst Entscheidungen über ihr Leben treffen wollen. Zumindest mir ging es bei meinem Engagement in der Flüchtlingskrise schnell nicht mehr nur darum, Menschen in Not zu helfen. Es ging mir darum, für eine freiere, demokratischere Gesellschaft einzutreten, mit allem Pathos. Noch ist es nicht Zeit, das aufzugeben.

Demut und Optimismus: Kommentar zur Flüchtlingskrise

(Dieser Text wurde Anfang Oktober 2015 auf dem Blog Publikative veröffentlicht. Da der Blog eingestellt ist und der Text nicht mehr verfügbar ist, stelle ich ihn hier erneut ein. Es gab seitdem schöne und weniger schöne Momente, die meinen Optimismus auch immer wieder infrage stellten; aber das Grundgefühl blieb.)

 

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen. Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Es wird an den Kommentaren in der FAZ deutlich. Patrick Bahners Kritik am Affekt gegen den Affekt war jedenfalls ein Einzelstück. Mittlerweile, so heißt es, sei das Band am Reißen, alle seien am Ende ihrer Kräfte, Einsatzkräfte wie auch freiwillig Helferinnen und Helfer (von den Flüchtlingen und deren Kräften ist da ja eher selten die Rede).

In all diesen Debatten fehlt merkwürdigerweise oft die Stimme jener, die oft tagtäglich viele Stunden lang als ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dort aushelfen, wo der Staat versagt, wie zum Beispiel vor dem berüchtigten Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) in Berlin. Auch ich stand dort drei Wochen lang jede Nacht und half dabei, Flüchtlinge mit Decken, Wasser und Tee zu versorgen, habe versucht, Flüchtlingen, die oft spät nachts mit Weiterleitungen aus Bayern in Berlin ankamen, noch einen privaten Schlafplatz zu vermitteln, da offizielle Notunterkünfte voll waren und sonst Kleinkinder auf der Straße hätten übernachten müssen. Es sind Eindrücke aus dieser Tätigkeit, die mich dazu bewegen, ein paar Bemerkungen zur Debatte über Flüchtlinge, den Erwartungen, die an sie gestellt werden, und den Veränderungen, die Deutschland bevorstehen, machen zu wollen. Die Arbeit dort war und ist anstrengend und fordernd, physisch und emotional. Aber ich habe selten den Eindruck, dass all die Helferinnen und Helfer am Ende ihrer Kräfte sind; wenn, dann sind sie am Ende ihrer Nerven ob der Unfähigkeit der Berliner Behörden. Aus dieser Perspektive eines Helfers möchte ich ein paar Bemerkungen zur gegenwärtigen Diskussion machen.

Ich will mit einer Beobachtung, mit einer kleinen Geschichte beginnen, die sich beim Helfen vor dem LaGeSo zugetragen hat. Es geht um eine Frau, vielleicht um die vierzig Jahre alt, die aus Libyen vor dem dortigen Terror geflohen war. Eine freundliche, lachende und lächelnde Frau. Jedenfalls kam sie zu uns, um mitzuhelfen. Sie half den ganzen Tag, sortierte Spenden. Am nächsten Tag kam sie wieder, wollte wieder helfen, und erklärte in gebrochenem Englisch, ihr „Baby“ wolle auch mithelfen. Nach einiger Verwirrung stellte sich heraus, dass sie von ihrem etwa 17jährigen Sohn redete, der neben ihr stand, der kein Wort Englisch sprach, und der nun von der Mutter angewiesen Sachen herumtrug und half. Sie waren beide noch keine zehn Tage in Deutschland und halfen. Am Abend kam sie dann zu uns (wir waren an dem Tag mit anderen Aufgaben beschäftigt), und erzählte von sich und ihrer Familie. Zunächst verstanden wir es kaum, aber zum Glück war ein Übersetzer in der Nähe: Ihr Mann, so berichtete die Frau, war von ISIS enthauptet worden. Mehr muss eigentlich nicht erzählt werden. Wie ihre Aussage wirkte, lässt sich nur schwer im Text wiedergeben. Von einem Augenblick auf den anderen herrschte Stille, inmitten eines allgemeinen Trubels, eine Stille, die nur kurz herrschen konnte. Zumindest ich musste mich schnell wieder einem anderen Gespräch zuwenden, sonst wären mir wohl die Tränen gekommen. Ich glaube, die meisten freiwilligen Helfer haben solche Momente erlebt.

Es soll hier nicht um Seelenstriptease gehen, aber es lohnt sich, bei den emotionalen Reaktionen zu bleiben. Die Tränen kamen später, im Moment der Ruhe. Aber warum? Sicherlich, es war eine grauenvolle Geschichte. Aber grauenvolle Geschichten gibt es zuhauf, man hört sie, man liest sie, man sieht schreckliche Bilder. Es war etwas anderes, was berührte und beeindruckte: die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Frau, trotz all dem, was sie durchgemacht hatte. Es brauchte eine Zeit, bis sich ein Wort für dieses Gefühl fand, und es ist ein Wort, das mir sonst selten in den Sinn kommt: Demut. Übrigens ein zutiefst christliches Gefühl, wenn ich mich nicht irre.

Es war keinesfalls der einzige Moment, in dem ich solches erlebte, aber vielleicht der eindrücklichste. Ein Gefühl von Demut stellte sich auch ein, als wir im Gebäude des LaGeSos, wo Menschen stundenlang warten müssen, Babynahrung verteilten, aber kein Wasser hatten, um das uns eine junge syrische Mutter bat, woraufhin ein Mann aus Schwarzafrika aus der Reihe gegenüber der Frau sein Tetrapack Wasser gab; es stellte sich auch ein, als ein junger Flüchtling aus Afghanistan, der neben Farsi, Dari und Urdu auch exzellentes Englisch spricht, am Tag nach seiner nächtlichen Ankunft sofort bereit stand, um uns als Übersetzer zu helfen; es stellte sich auch ein als ich sah, wie sehr die allabendliche Verteilung der Flüchtlinge auf die Busse, die sie in Notunterkünfte bringen, von einem geflüchteten Syrer abhing, der gerade mal drei Monate in Deutschland ist und nun mit Megaphon der Polizei versuchte, ein wenig Ordnung in das unglaubliche Chaos zu bringen. Allerorten sah ich Flüchtlinge, die kaum in Deutschland angekommen Aufgaben und Verantwortung übernahmen.

Warum ist das alles wichtig? Weil es auf etwas verweist, was in all den Reden zur Flüchtlingskrise fehlt. Oft liest man, in kritischer Absicht, Deutschland habe ein großes Herz, aber es brauche auch politische Ratio. Gemeint ist, dass Deutschland die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen müsse, dass es mit kühlem Kopf handeln müsse, und nicht blind dem guten Gefühl des Helfens folgen könne. Aber diese Gegenüberstellung von Herz und Ratio funktioniert nicht. Sie blendet aus, welche Wirkungen, welche positiven Wirkungen das offene „Herz“ haben kann, jenseits vom ökonomischen Nutzen, den Flüchtlinge vielleicht einmal bringen werden. Es geht um weniger greifbare Werte. Wird zur Zeit von Werten gesprochen, dann werden damit gerne „westliche“ Werte gemeint, Toleranz gegenüber anderen Meinungen und Glauben, Gleichberechtigung von Mann und Frau, von Schwulen, Lesben und Heterosexuellen, demokratische Werte – man kann das bei Winkler nachlesen, oder neuerdings in den Benimmregeln eines Dorfes im Odenwald. Diese Werte, so heißt es, müssten Flüchtlinge, die doch aus einem ganz anderen Kulturkreis kommen, ganz schnell erlernen, sie müssten ihre patriarchalischen Einstellungen dringend hinter sich lassen. Die Deutschen, andererseits, werden im Moment gerne (und auch zurecht) für ihre Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit gepriesen. Auch mich beeindruckt diese. Aber noch viel mehr beeindruckt mich, wie hilfsbereit Flüchtlinge sind. Ich kann abends in ein warmes Bett, ich kann in ein teures Restaurant, wenn ich keine Zeit zum Kochen habe. Flüchtlinge können das nicht. Ich weiß nicht, ob man Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit auch zu westlichen Werten zählt; aber es gehört zur politischen Ratio, diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zu erkennen und zu benennen.

Um nicht missverstanden zu werden, ich möchte hier kein Bild stets wunderbar hilfsbereiter Flüchtlinge zeichnen. Es gibt auch viele negative Erfahrungen, viel Wut und Frust, an allererster Stelle mit Berliner Behörden, deren Handeln in keiner Weise dazu geeignet ist, Vertrauen in staatliches Handeln zu stiften (denn dazu braucht es Transparenz und Verlässlichkeit, und die gibt es nicht), mit Helfern, denen es eher darum geht, den Kleiderschrank leerzuräumen oder etwas fürs eigene Gefühl zu tun, ohne nachzudenken, und auch mit Flüchtlingen, die aggressiv werden, die uns Helferinnen und Helfer als Juden beschimpfen, die rücksichtslos Kinder bei der Essensausgabe überrennen. So zu tun, als gäbe es diese Probleme nicht, wäre schlichtweg absurd; und es wird ja auch immer wieder über diese Probleme geschrieben. Aber es ist eine kleine Minderheit, mit der es Schwierigkeiten gibt, und es ist kaum verwunderlich, dass nicht immer alles harmonisch abläuft in Anbetracht der Zahlen und der Lage, in der Flüchtlinge leben müssen.

Patrick Bahners stellte sich kürzlich die Frage, wie wohl ein Gedicht beginnen müsste, das ein Flüchtlingskind einem Polizisten schenken könnte. „Ich habe Menschen getroffen“, antwortet er. Wir sollten diese imaginierte Situation auch umdrehen: wie würde das Gedicht aussehen, das der Polizist dem Flüchtlingskind schenken könnte? Oder das die zahlreichen Helferinnen und Helfer den Flüchtlingen schenken könnten? Genauso. „Ich habe Menschen getroffen.“ Das gilt im Schlechten, aber es gilt noch viel mehr im Guten. Ich habe noch nie so viele gute Menschen getroffen, helfende Deutsche, und noch viel mehr Flüchtlinge. Dafür bin ich dankbar; dafür sollten wir dankbar sein. Ich möchte keine Dankesworte für Helferinnen und Helfer (und damit auch für mich) mehr aus dem Munde von Politikern hören. Ein Wort des Dankes an Flüchtlinge wäre angebracht, in aller Demut. Deutschland wird sich ändern, lese ich in letzter Zeit oft. Selbst bei eigentlich wohlwollenden Menschen, die sich niemals den Parolen von Pegida anschließen würden, hörte ich Sorgen ob der Herausforderungen, die auf Deutschland zukommen. Ich war merkwürdig optimistisch; ich bin es, noch. Ich hoffe, ich glaube, es werden Menschen wie jene libysche Frau, wie jener junge Mann aus Afghanistan, wie der unermüdliche Übersetzer aus Syrien sein, die Deutschland zu einem besseren Land, zu einem freundlicheren Land machen. Es wäre eigentlich ein Grund zur Freude.